Amiga 600

Commodore Amiga 600 vom Sparmodell zum kompakten Klassiker
Der Amiga 600 ist einer jener Computer, deren Ruf sich mit den Jahrzehnten beinahe umgekehrt hat. 1992 wirkte der kleine Amiga wie ein merkwürdig positionierter Ersatz für ein erfolgreiches Modell. Heute machen ihn gerade sein kompaktes Gehäuse, der interne IDE-Anschluss und der PCMCIA-Steckplatz zu einem ausgesprochen praktischen Klassiker.
Seine Geschichte beginnt jedoch nicht als Amiga 600. Commodore plante zunächst einen günstigen Amiga 300 unterhalb des Amiga 500. Aus diesem Vorhaben wurde ein Rechner, der am Ende mehr kostete als der Computer, den er preislich unterbieten sollte. Genau darin liegt der Kern des A600: Die Technik war keineswegs nutzlos, doch Produktidee, Preis und Zeitpunkt passten nicht mehr zusammen.
Vom günstigen A300 zum teureren A600
Dass der A300 mehr als ein flüchtiger Projektname war, belegt ein gedrucktes Commodore-Handbuch aus dem November 1991. Es beschreibt einen kompakten Rechner mit Motorola 68000, 78-Tasten-Tastatur, internem Diskettenlaufwerk, Speichererweiterung an der Unterseite und einem PCMCIA-Anschluss, damals anschaulich als „credit card connector“ erklärt. Das Dokument zeigt damit ein Produkt, das bereits weit genug fortgeschritten war, um für Kunden erläutert zu werden.
Bei einer späteren Podiumsdiskussion mit ehemaligen Commodore-Entwicklern erinnerte sich Jeff Porter an den Ausgangspunkt. Commodore wollte einen Rechner, dessen Herstellung noch günstiger war als beim A500. Der von IBM gekommene Bill Sydnes sei mit dem Versprechen angetreten, die Kosten deutlich zu senken. Dieses Ziel wurde verfehlt. Als der neue Computer schließlich mehr kostete als ein A500, änderte Commodore die Modellnummer von 300 auf 600. Im Zuge dieses Wechsels erhielt der Rechner auch mehr Arbeitsspeicher.
Das erklärt die verwirrende Stellung des Geräts besser als die oft wiederholte Behauptung, der A600 sei einfach als Nachfolger des A500 entworfen worden. Der A300 sollte die Modellpalette nach unten ergänzen. Erst aus dem teurer gewordenen Projekt wurde ein A600, der plötzlich an die Stelle des etablierten Heimcomputers rückte. Mit dem professionellen Amiga 3000 hatte dieser geplante A300 trotz der ähnlichen Zahl nichts zu tun.
Ein kleiner Rechner an der falschen Stelle
Commodore brachte den Amiga 600 im März 1992 auf den Markt. Der Amiga 500 Plus war zu diesem Zeitpunkt erst wenige Monate erhältlich. Wer die aufsteigende Modellnummer sah, konnte einen klaren technischen Fortschritt erwarten. Tatsächlich blieb die Rechenleistung weitgehend auf dem Niveau des A500 Plus.
Gegenüber dem Amiga 500 fiel zuerst das deutlich kleinere Gehäuse auf. Der separate Ziffernblock entfiel, ebenso der große seitliche Erweiterungsanschluss des A500. Dafür erhielt der A600 zwei Schnittstellen, die bei einem günstigen Amiga neu waren: einen internen ATA-Anschluss für 2,5-Zoll-Festplatten und einen seitlichen PCMCIA-Steckplatz. Commodore ersetzte also vertraute Erweiterbarkeit durch Anschlüsse, deren Nutzen sich 1992 erst noch beweisen musste.
Technik des Amiga 600
Im Kern ist der A600 ein kompakter ECS-Amiga. Er blieb beim Motorola 68000 und war damit der letzte neue Amiga, der serienmäßig auf diesem Prozessor basierte. Die Custom-Chips entlasteten die CPU bei Grafik, Sound und Datenübertragung, doch gegenüber dem A500 Plus entstand daraus kein Leistungssprung.
| Merkmal | Ausstattung |
| Marktstart | März 1992 |
| Prozessor | Motorola 68000 mit 7,09 MHz bei PAL beziehungsweise 7,16 MHz bei NTSC |
| Chipsatz | Enhanced Chip Set mit Agnus, Denise und Paula |
| Arbeitsspeicher | 1 MB Chip-RAM ab Werk, über den Trapdoor-Steckplatz auf 2 MB erweiterbar |
| Grafik | Von 320 × 200 bis 1280 × 512 interlaced; 32 Farben regulär, 64 im EHB- und bis zu 4096 im HAM-Modus |
| Audio | Vier 8-Bit-PCM-Kanäle, als zwei Stereopaare ausgegeben |
| Diskettenlaufwerk | Internes 3,5-Zoll-Laufwerk mit 880 KB |
| Massenspeicher | Interner 44-poliger ATA-Anschluss; A600HD mit 20- oder 40-MB-Festplatte |
| Erweiterungen | PCMCIA Typ II, Trapdoor-Speichererweiterung und externer Diskettenanschluss |
| Tastatur | 78 Tasten ohne separaten Ziffernblock |
| Abmessungen | 350 × 240 × 75 mm |
IDE und PCMCIA als eigentliche Neuerungen
Der Gayle-Chip steuerte sowohl den internen ATA-Anschluss als auch PCMCIA. Über den 44-poligen ATA-Anschluss ließ sich eine kompakte 2,5-Zoll-Festplatte direkt im Gehäuse betreiben. In der A600HD-Ausführung wurde diese Möglichkeit ab Werk genutzt. Damit konnte Workbench wesentlich bequemer starten als von Diskette, und Programme sowie Daten ließen sich dauerhaft im Rechner speichern. Das klingt selbstverständlich, war bei Commodores günstigen Tastatur-Amigas aber ein wichtiger Fortschritt.
PCMCIA stammte dagegen aus der damals jungen Notebook-Welt. Der Steckplatz konnte Speicher- und I/O-Karten aufnehmen. Passende Hardware war zu Beginn teuer und nicht annähernd so verbreitet wie später. Der Anschluss wirkte deshalb 1992 eher wie ein Versprechen. Heute gehört er zu den Stärken des Rechners: SRAM-Erweiterungen, Netzwerkkarten und CompactFlash-Adapter lassen sich verwenden, ohne das Gehäuse zu verändern.
Die beiden Schnittstellen waren also nicht grundsätzlich falsch. Commodore brachte sie nur in einem Modell, das gleichzeitig als günstiger Nachfolger des A500 erscheinen sollte. Käufer verglichen deshalb weniger die neuen Möglichkeiten als die Dinge, die weggefallen waren.
Kickstart 2.05 und seine drei wichtigen ROM-Versionen
Die neuen Anschlüsse benötigten Unterstützung im ROM. Deshalb erhielt der A600 Kickstart 2.05. Hinter dieser Bezeichnung verbergen sich jedoch drei Revisionen mit erheblichen Unterschieden. Wer heute einen A600 mit Festplatte oder CompactFlash-Karte ausstatten will, sollte deshalb nicht nur auf die Zahl 2.05, sondern auf die vollständige ROM-Revision achten.

| Revision | Typischer Einsatz | Praktische Bedeutung |
| 37.299 | Frühe A600 | ATA und PCMCIA sind vorhanden, ein direkter Systemstart davon ist jedoch nicht möglich. Die Treiber müssen von Diskette geladen werden. |
| 37.300 | Vor allem A600HD | Direktes Booten über ATA oder PCMCIA ist möglich. Ein ROM-Fehler begrenzt nutzbare Festplatten auf 40 MB. |
| 37.350 | Späte A600HD | Der Fehler ist behoben; Festplatten bis 4 GB werden unterstützt. |
Die Unterschiede sind in der Übersicht zu Kickstart 2.05 dokumentiert. Workbench 2.1 erschien später als reines Software-Update auf Diskette. Ein Kickstart-ROM 2.1 gab es nicht. Damit lässt sich auch eine häufige Verwechslung auflösen: Kickstart und Workbench gehören zusammen, ihre Versionsnummern müssen aber nicht identisch sein.
Die Revisionen 37.300 und 37.350 können beim Start auf ATA- und PCMCIA-Geräte zugreifen. Das bedeutet jedoch nicht, dass jeder heutige PCMCIA-Adapter automatisch als Startlaufwerk taugt. In der Praxis dient eine interne CompactFlash-Karte am IDE-Anschluss meist als Systemlaufwerk, während ein PCMCIA-CF-Adapter häufig für den Datenaustausch eingesetzt wird.
Kompatibilität und Grenzen des kleinen Gehäuses
Im Alltag verhielt sich der A600 weitgehend wie ein A500 Plus. Ältere Programme und Spiele konnten jedoch an Kickstart 2.x, am ECS-Chipsatz oder an unsauber programmierter Hardwareabfrage scheitern. Programme wie Relokick luden für solche Fälle ein Kickstart 1.3 in den Arbeitsspeicher. Das verbesserte die Kompatibilität, kostete jedoch RAM und war keine Garantie für jedes Spiel.
Der fehlende Ziffernblock war ebenfalls mehr als eine optische Änderung. Einige Spiele und Anwendungen nutzten diese Tasten direkt. Die Zahl der betroffenen Programme blieb überschaubar, aber ausgerechnet ein als kompatibel gedachter Heimcomputer konnte damit bei einzelnen Titeln schlechter dastehen als sein Vorgänger.
Gravierender war der Wegfall des A500-Erweiterungsports. Commodore setzte beim A600 stark auf oberflächenmontierte Bauteile und verlötete auch den Prozessor. Das half beim kompakten Aufbau und bei der Serienfertigung, erschwerte jedoch klassische interne Umbauten. Moderne Beschleuniger lösen das häufig mit Aufsteckadaptern direkt auf der CPU. Elegant ist das nicht, wirksam durchaus.
Die zeitgenössische Presse urteilte nicht einheitlich
Der A600 wurde bereits 1992 kritisch beurteilt, doch die Fachpresse lehnte ihn nicht geschlossen ab. Amazing Computing sah ein eher schrittweises als revolutionäres Modell. Die kompakte Bauweise und PCMCIA galten als interessant, gleichzeitig machten die fehlende Kompatibilität mit vielen A500-Erweiterungen und die geringe Mehrleistung einen Umstieg unattraktiv.
Amiga Computing bewertete besonders den A600HD freundlicher. Die eingebaute Festplatte machte den Rechner im Alltag erheblich angenehmer, während die Geschwindigkeit ungefähr auf dem Niveau des A500 Plus blieb. Amiga World legte den Schwerpunkt dagegen auf das externe Netzteil, den fehlenden Erweiterungsbus und den unveränderten 68000. Aus dieser Sicht eignete sich der kleine Amiga vor allem für Menschen, die weder aufrüsten noch ihren bestehenden A500 ersetzen wollten.
Diese Urteile widersprechen sich weniger, als es zunächst scheint. Wer einen kompakten Amiga mit Festplatte suchte, konnte im A600HD einen angenehmen Rechner finden. Wer bereits einen ausgebauten A500 besaß und auf mehr Leistung wartete, bekam kaum einen Grund zum Wechsel.
Dave Haynie und die verletzte Amiga-Idee
Besonders scharf fiel die rückblickende Reaktion von Dave Haynie aus. Der langjährige Commodore-Entwickler betrachtete den Amiga als technisch zusammenhängende Plattform, die sinnvoll weiterentwickelt werden sollte. Für ihn stand der A600 deshalb nicht isoliert. Er war ein Beispiel dafür, wie Managemententscheidungen ein vernünftiges Entwicklungsziel verschieben konnten.
In einem Interview von 2003 beschrieb Haynie den A300 als George Robbins’ Idee für einen Amiga unterhalb des A500, ausdrücklich als zusätzliche Baureihe und nicht als Ersatz. Bill Sydnes habe dem Projekt jedoch „so much bloat“ hinzugefügt, dass der A600 schließlich 50 Dollar mehr als der A500 und 100 Dollar mehr als ursprünglich vorgesehen gekostet habe.
Haynies Wortwahl ist erkennbar emotional und sollte nicht mit einer neutralen Kostenanalyse verwechselt werden. Gerade deshalb ist sie historisch interessant. Sie zeigt die Frustration eines Entwicklers, der den erfolgreichen A500 gestrichen sah, während der technisch wichtigere nächste Schritt noch auf sich warten ließ. Der Ärger richtete sich weniger gegen das kleine Gehäuse als gegen die verlorene Richtung der Produktplanung.
193.000 verkaufte Amiga 600 in Deutschland
Als weltweiter Flop mit einer vermeintlich exakten Gesamtstückzahl lässt sich der A600 nicht seriös abheften. Belastbarer ist eine deutsche Übersicht, die der Marketing-Abteilung von Commodore Frankfurt zugeschrieben wird. Danach waren bis zum 31. Dezember 1993 193.000 Amiga 600 in Deutschland verkauft. In derselben Aufstellung steht der A500 bei 1,081 Millionen Geräten und der A500 Plus bei 79.500 Exemplaren.
Die Zahl macht den A600 nicht zum Nachfolger auf Augenhöhe mit dem A500. Sie zeigt aber, dass er mehr war als eine bloße Fußnote. Sein Marktleben blieb kurz: Noch im Herbst 1992 erschien der A1200 mit dem schnelleren 68020 und dem AGA-Chipsatz. Damit war der kleine ECS-Amiga technisch bereits wieder überholt.
Warum der Amiga 600 heute interessanter ist
Aus heutiger Sicht verschieben sich die Maßstäbe. Niemand muss einen A600 mehr als zeitgemäßen Nachfolger des A500 kaufen. Entscheidend ist, wie bequem sich ein klassischer Amiga erhalten und benutzen lässt. Dabei helfen ausgerechnet jene Schnittstellen, die 1992 nur begrenzt überzeugten.
- CompactFlash statt Festplatte: Ein einfacher IDE-Adapter ersetzt das mechanische 2,5-Zoll-Laufwerk. Das System arbeitet leise, benötigt wenig Strom und lässt sich leichter sichern.
- PCMCIA für Datenaustausch und Erweiterungen: Geeignete CF-Adapter vereinfachen den Transfer mit modernen Rechnern. Kompatible SRAM-Karten oder Netzwerkkarten erweitern den kleinen Amiga, ohne sein Gehäuse zu verändern. Der A600 benötigt 16-Bit-PCMCIA-Karten; spätere 32-Bit-CardBus-Karten funktionieren nicht.
- Mehr Speicher: Eine Trapdoor-Erweiterung erhöht das Chip-RAM auf 2 MB. Eine passende PCMCIA-SRAM-Karte kann bis zu 4 MB Fast-RAM ergänzen, womit ein klassisch ausgebauter A600 auf insgesamt 6 MB kommt. Moderne interne Module erlauben weitere Ausbaustufen.
- Gotek und moderne Videoausgabe: Ein Diskettenemulator kann verschleißanfällige Medien ersetzen. Scandoubler und HDMI-Lösungen erleichtern den Anschluss an heutige Bildschirme.
- Beschleuniger: Aufstecklösungen mit schnelleren Prozessoren und zusätzlichem RAM verwandeln den A600 in einen erstaunlich leistungsfähigen Retro-Rechner. Für ein historisch nahes System sind sie jedoch nicht nötig.
Vor jeder Aufrüstung gehört der technische Zustand auf den Prüfstand. Der A600 verwendet SMD-Elektrolytkondensatoren, die nach mehr als drei Jahrzehnten auslaufen und Leiterbahnen beschädigen können. Eine fachgerechte Kontrolle und gegebenenfalls ein Recap sind wichtiger als die nächste Turbokarte. Auch Speichererweiterungen mit Akku sollten auf Korrosion geprüft werden.
Ein missglücktes Marktmodell mit praktischem Nachleben
Der Amiga 600 war kein schlechter Computer im einfachen Sinn. Er bot die vertrauten Stärken des ECS-Amiga, ein ungewöhnlich kleines Gehäuse und zwei moderne Schnittstellen. Sein Problem lag in der Rolle, die Commodore ihm gab. Aus einem preiswerten A300 unterhalb des A500 wurde ein teurerer A600, der den erfolgreichen Vorgänger ersetzen sollte, ohne deutlich mehr zu leisten.
1992 wirkte das wie Stillstand in neuer Verpackung. Heute ist die Lage beinahe umgekehrt. IDE, PCMCIA und die kompakte Bauform machen den A600 zu einem besonders handlichen Einstieg in echte Amiga-Hardware. Seine Entstehung bleibt ein Lehrstück über Commodores Produktpolitik. Als Retro-Computer hat er sich von dieser Geschichte längst ein Stück weit befreit.
