Dracula – 1986 by CRL

Monty-pythonesker Einfall oder genialer Marketing-Trick? Im Herbst 1986 sorgt ausgerechnet ein Text-Adventure für Schlagzeilen: Dracula von CRL landet beim British Board of Film Censors – und das freiwillig. Computerspiele hatten bis dahin keine Altersfreigaben nötig, doch CRL-Chef Clem Chambers wittert eine Chance. Die Londoner schicken ihr Adventure mit ein paar blutigen Illustrationen zur Behörde und hoffen auf einen Skandal. Die BBFC vergibt tatsächlich ein „15“-Zertifikat, und CRL druckt stolz den Hinweis „nicht geeignet für unter 15-Jährige“ auf die Verpackung. Genau das sorgt für Aufmerksamkeit bei Medien und Horror-Fans. Hinter den Kulissen hätte man zwar gerne das noch drastischere „18“-Siegel gesehen, doch schon so funktioniert der PR-Coup. Im Jahr darauf folgen Frankenstein und 1987 Jack the Ripper – letzteres Spiel erhält dann tatsächlich eine 18er-Freigabe und schreibt damit Zensurgeschichte. Mitten in dieser kleinen Horrorwelle steht CRL mit Autor Rod Pike, der klassische Schauergeschichten als interaktive Fiction auf C64, ZX Spectrum und Amstrad CPC bringt.

Schon 1986 gilt Bram Stokers Dracula-Roman von 1897 als vielzitierter Kultstoff, und Pikes Spiel hält sich eng an die literarische Vorlage. Der junge Anwalt Jonathan Harker reist in die Karpaten, um Graf Dracula beim Immobilienkauf in England zu beraten. Das Spiel gliedert die Handlung in drei eigenständige Teile, die jeweils separat geladen werden. In The First Night verbringt Harker eine unheimliche Nacht im Gasthof „Goldene Krone“. In The Arrival erreicht er Draculas Schloss und begreift, dass er eigentlich Gefangener ist. Gelingt die Flucht, wechselt im dritten Teil The Hunt die Perspektive zu Dr. Seward, Leiter einer Irrenanstalt in Whitby. Er untersucht Harkers Warnungen vor mysteriösen Erde-Kisten und einem „Untoten“, während Patient Renfield immer seltsamer wird. Diese episodische Struktur deckt große Teile der Romanhandlung ab und passt zugleich zu den begrenzten Speicherreserven der 8-Bit-Rechner.

Technisch gehört Dracula klar in die Kategorie der Illustrated Text Adventures. Im Kern ist es ein reines Text-Adventure mit Parser-Eingabe, das wichtige Momente durch statische Bilder ergänzt. Auf allen Systemen arbeitet ein sehr einfacher Zwei-Wort-Parser nach dem Schema „Verb + Objekt“. Präpositionen oder komplexe Sätze ignoriert das Spiel, Kommandos wie „UNTERSUCHE RAUM“ oder „NIMM SCHLÜSSEL“ reichen. Das passt zur Entstehung mit dem populären Quill-Baukasten: Die Engine war für viele Autoren eine Einladung, Geschichten ohne tiefere Programmierkenntnisse umzusetzen, brachte aber klare Grenzen mit. Magazine wie Amstrad Action kritisierten, dass der Parser unbekannte Wörter nicht benennt, sondern nur lapidar mit „I don’t understand“ oder „You can’t do that“ reagiert – ein Verhalten, das eher an späte 70er-Jahre-Adventures erinnert. Türen erfordern exakt getimte Befehlsfolgen, alternative Formulierungen scheitern schnell. Wer statt „ZÜNDE LAMPE AN“ auf „BENUTZE LAMPE“ kommt, wird abgewiesen. Das bremst den Spielfluss, auch wenn Dracula insgesamt eher einsteigerfreundlich bleibt. Die ersten beiden Episoden verlaufen sehr linear und spielen auf wenigen Schauplätzen, benötigte Objekte liegen meist in der Nähe. Der dritte Teil öffnet die Struktur etwas, bleibt aber ebenfalls moderat im Anspruch; erfahrene Adventure-Spieler sehen den Abspann nach wenigen Stunden.

Trotz überschaubarer Mechanik gewinnt Dracula seine Wirkung aus der Atmosphäre. Rod Pike nutzt den Textspeicher intensiv, beschreibt Schauplätze und Ereignisse detailreich und mit hörbarer Vorliebe für Gothic-Vokabular. Wo andere Adventures der Zeit in knappen Telegrammsätzen sprechen, nimmt sich Dracula Zeit für Stimmung. Beim Einstieg im Gasthof liest der Spieler von flackernden Öllampen, gelben Lichtinseln und dunklen Ecken, in denen das Böse lauern könnte – genau diese Art Prosa lobten Testredaktionen. Crash stellte der Atmosphäre einen sehr hohen Wert gegenüber und sprach von „Romanqualität“ in den Beschreibungen. Die Kehrseite: Pro Kapitel gibt es nur eine Handvoll Räume, teilweise weniger als zehn, was Amstrad Action ausdrücklich notierte. Die fortlaufende Handlung mit geskripteten Ereignissen – Albträume, nächtliche Besuche, Visionen – sorgt für viel Lesestoff, ohne dass der Spieler immer aktiv eingreifen muss. Dracula fühlt sich dadurch eher wie eine interaktive Novelle oder ein Spielbuch an als wie ein klassisches Rätselabenteuer. Wer primär knobeln will, findet hier wenig Futter; wer sich gerne eine Gruselgeschichte erzählen lässt und ab und zu eingreift, wird deutlich besser bedient.

Die grafische Präsentation variiert von System zu System. Auf dem ZX Spectrum (48K) erscheinen die Illustrationen in einfachen, meist monochromen Bitmaps. Zeichner Jared Derrett holt aus der Hardware respektable Bilder heraus, die beim Laden zeilenweise aufgebaut werden und so für kurze Pausen sorgen. Um Speicher zu sparen, gönnt sich das Spiel nur wenige, gezielt eingesetzte Szenenbilder – etwa bei Albträumen oder besonders drastischen Momenten. Für 1986 wirken diese Pixelbilder sicher eindrucksvoll, heute eher harmlos. Amstrad Action kommentierte sinngemäß, die „fiesen Bilder“ seien in Wirklichkeit gar nicht so grausam – und auf einem Grünmonitor noch weniger. Auf dem Amstrad CPC (64K) nutzt Dracula den hochauflösenden Vier-Farben-Modus, was auf Farbbildschirmen durchaus stimmungsvoll wirkt, auf Grünmonitoren aber viele Details verschluckt. Die CPC-Version bleibt zudem weitgehend stumm. Mehr audiovisuelle Wirkung erzielt die C64-Fassung: Dank SID-Chip kann das Spiel eine kurze Titelmusik und simple Spannungs-Effekte abspielen; auch hier stammen die Grafiken von Jared Derrett, angepasst an die Multicolor-Möglichkeiten des Commodore. Auf allen Systemen setzt CRL eine verzierte Schriftart ein, um viktorianisches Flair zu transportieren. Besonders auf dem Spectrum stößt diese Wahl an Grenzen – Crash bezeichnete den Zeichensatz als einen der am schwersten lesbaren, die man je zu entziffern versucht habe. Auf CPC und C64 fällt das Problem weniger stark auf, doch besonders lange Sitzungen werden durch die Typografie anstrengend.

Zur Entstehungsgeschichte lässt sich heute recht klar sagen, wer für was verantwortlich war. Dracula entstand bei CRL unter dem Label The Zen Room. Autor und Designer war Rod Pike, der sich bereits zuvor mit Horror-Adaptionen einen Namen gemacht hatte. Er setzte unter anderem H. P. Lovecrafts The Dunwich Horror als Adventure um und schrieb kurz vor Dracula das mehrteilige Pilgrim. Die grafische Ausgestaltung stammt von Jared Derrett, dessen Name in mehreren Datenbanken den C64- und Spectrum-Fassungen zugeordnet wird. Für Musik und Effekte der C64-Version wird sein Bruder Jay Derrett geführt. Beide tauchen später auch bei weiteren CRL-Horrorprojekten wie Jack the Ripper und Wolfman in den Credits auf. Im Spiel selbst oder in den Handbüchern werden die Derretts nicht immer explizit genannt; ihre Beteiligung lässt sich aber über externe Credit-Sammlungen und Szenequellen nachvollziehen.

Wie reagierte die Presse auf dieses Experiment aus Zensur-Coup und Grusel-Abenteuer? In Großbritannien fielen vor allem die Sinclair-Magazine sehr wohlwollend aus. Crash vergab für die Spectrum-Version eine hohe Gesamtwertung und hob insbesondere Atmosphäre und Textqualität hervor. Sinclair User setzte noch eins drauf und belohnte Dracula mit der Höchstnote von fünf von fünf Punkten. Das frechere Your Sinclair blieb deutlich zurückhaltender: Der zuständige Redakteur lobte die Stimmung, kritisierte aber Umfang und altmodischen Parser und landete bei sechs von zehn Punkten. Auf Commodore-Seite kam das Spiel unterschiedlich an. Commodore User bescheinigte Dracula ein gutes Adventure und lag etwa im 80-Prozent-Bereich, während Computer Gamer sogar eine noch höhere Einschätzung abgab. Computer & Video Games ordnete sich mit einer soliden Acht-von-Zehn-Kategorie ein. Deutlich skeptischer zeigte sich Zzap!64: Dort empfand man das Adventure als zu dünn, um den Hype um die Altersfreigabe zu tragen, und vergab nur eine unterdurchschnittliche Wertung. Besonders störte die Redaktion, dass die angekündigte Schockwirkung in der Praxis eher moderat ausfiel.

In Deutschland fiel das Echo wesentlich kühler aus. Happy Computer zeigte sich in der Besprechung wenig angetan: fehlende deutsche Texte und die zähe Eingabe sorgten für eine deutlich unterdurchschnittliche Wertung und die Empfehlung, nur eingefleischten Adventure-Fans einen Blick zu gönnen. Der Aktuelle Software Markt verfolgte Dracula schon früh; ein Vorabbericht beschäftigte sich vor allem mit der ungewöhnlichen Altersfreigabe und dem Horror-Anspruch. Im eigentlichen Test fielen Grafik und Atmosphäre positiv auf, während der einfache Parser und die lineare Struktur zurückhaltend kommentiert wurden. Insgesamt kam das Spiel im deutschen Markt über einen Nischenstatus nicht hinaus; andere Magazine erwähnten Dracula, wenn überhaupt, eher am Rande.

Mit etwas zeitlichem Abstand bleibt Dracula von 1986 vor allem als Medienphänomen in Erinnerung. CRL nutzte die BBFC-Prüfung geschickt für Schlagzeilen, lange bevor offizielle Altersratings für Spiele zum Standard wurden. Spielerisch reiht sich das Adventure eher in die Kategorie der einfacheren Gruseltitel ein: kein Zork, kein Monkey Island, sondern eine interaktive Horrorgeschichte mit überschaubarem Rätselanteil. Technisch holen die Entwickler aus den drei Zielsystemen ordentlich etwas heraus – der Spectrum profitiert besonders von der starken Textbasis, der C64 punktet mit Musik und Farbe, der CPC liefert eine solide, wenn auch etwas blassere Variante. Der kommerzielle Erfolg blieb moderat, reichte aber aus, um weitere Horror-Adaptionen zu rechtfertigen. Ende der Achtziger verschwand CRL vom Markt, doch Dracula wird in der Retro-Szene heute gerne als kurioser Meilenstein zitiert: als Beispiel dafür, wie weit man mit einer guten Idee, etwas Mut zur Provokation und einem klassischen Stoff kommen konnte, auch wenn die Mechanik im Hintergrund vergleichsweise schlicht bleibt.

 

WordStar – 1979 by MicroPro

WordStar – Als Tastaturkürzel König waren und DOS die Bühne hielt

Als Mikrocomputer Ende der siebziger Jahre zunehmend in Werkstätten, Büros und Hobbykellern auftauchten, wuchs der Wunsch nach einer Textverarbeitung, die ernsthafte Schreibarbeit ermöglichen konnte. Seymour I. Rubinstein, vormals bei IMSAI tätig, erkannte diese Lücke und gründete 1978 MicroPro International. Er engagierte den außergewöhnlich begabten Programmierer Rob Barnaby, der bereits zuvor systemnahe Editoren für CP/M entwickelt hatte und in Fachkreisen als jemand galt, der Programme eher aus der Perspektive der Maschine als jener des Anwenders dachte. Zeitgenossen beschrieben ihn als einen Entwickler, der keine Rücksicht auf konventionelle Benutzerführung nahm, sondern darauf vertraute, dass Menschen seine effiziente, aber anspruchsvolle Logik erlernen konnten. Ein Ausspruch, den frühere Kollegen Barnabys überlieferten, bringt dies gut auf den Punkt: „Rob wrote software for the computer, and expected people to keep up“ („Rob schrieb Software für den Computer und erwartete, dass die Menschen mithalten“).

Barnaby entwickelte WordStar zwischen 1978 und 1979 fast vollständig in handoptimiertem 8080-Assembler, und weil CP/M-Systeme nur 64 Kilobyte Arbeitsspeicher boten, entwarf er ein ausgeklügeltes Overlay-System, das Programmteile je nach Bedarf nachlud. Dass viele Terminals dieser Zeit keine Pfeiltasten besaßen, führte zu seinem berühmten Steuerungsdiamanten: Ctrl-S, Ctrl-E, Ctrl-D und Ctrl-X für die Bewegung des Cursors. Dieser Tastensatz wurde auf Dutzenden Plattformen übernommen und machte WordStar zu einem Werkzeug, das überall gleich funktionierte – ein Vorteil, den kein Konkurrent jener Zeit in diesem Umfang bieten konnte. Ein Nutzer erinnerte sich viele Jahre später: „Once you got the hang of the WordStar keystroke diamond it was magic to use“ („Wenn man den WordStar-Diamond einmal beherrschte, war er magisch zu benutzen“).

WordStar erschien im Juni 1979 zu einem Preis von 495 US-Dollar, inflationsbereinigt rund 1.300 Euro. Der Betrag war hoch, aber WordStar bot Funktionen, die seiner Zeit voraus waren: automatischer Zeilenumbruch, Seitenvorschau im Textmodus, Blockbearbeitung, Seriendruck, einfaches Makrosystem und eine sauber strukturierte Dokument- und Nicht-Dokument-Logik. Durch OEM-Bundles, insbesondere mit dem Osborne 1, verbreitete sich das Programm schnell. BYTE schrieb 1983 anerkennend: „without a doubt the best-known and probably the most widely used personal computer word-processing program“ („ohne Zweifel das bekannteste und wahrscheinlich am weitesten verbreitete Textverarbeitungsprogramm für Personal Computer“). ThoughtCo bezeichnet WordStar später als „the first commercially successful word-processing software program for microcomputers“ („die erste kommerziell erfolgreiche Textverarbeitungssoftware für Mikrocomputer“). Rubinstein sagte rückblickend: „WordStar was a tremendous learning experience. I didn’t know all that much about the world of big business“ („WordStar war eine gewaltige Lernerfahrung. Ich wusste nicht allzu viel über die Welt des großen Geschäfts“).

Intern verlief die Entwicklung allerdings unruhig. Der rapide wachsende Erfolg erforderte Teamarbeit, doch Barnabys ursprünglicher Quelltext war maschinennah, komplex und nur spärlich dokumentiert. Mehrere Entwickler mussten später Teile des Codes praktisch neu erschließen, als das Programm für MS-DOS und weitere Plattformen angepasst wurde. Trotz dieser Herausforderungen blieb WordStar über Jahre das dominierende Schreibwerkzeug auf CP/M und frühen DOS-Rechnern.

Die Fachpresse sah WordStar zugleich als mächtig und schwierig. PC Magazine sprach von einer „arrogant indifference to user feedback“ („arroganten Gleichgültigkeit gegenüber Nutzerfeedback“) und bezeichnete es dennoch als „the most powerful word processor available“ („die mächtigste verfügbare Textverarbeitung“). Diese doppelte Wahrnehmung fasst die Retroanalyse gut zusammen, die WordStar als „arrogant, difficult, powerful“ („arrogant, schwierig, mächtig“) einstuft. Die Lernkurve war steil, aber wer sie meisterte, schrieb schneller als mit jedem anderen Programm seiner Zeit.

Während WordStar Anfang der achtziger Jahre Marktführer war, gewann WordPerfect rasch an Boden. Ein zeitgenössischer Tester beschrieb WordPerfect als „more than full-featured“ („mehr als voll ausgestattet“) und betonte Funktionen, die in WordStar fehlten, insbesondere im Bereich Druckeransteuerung und Formatlogik. MicroPros Antwort, WordStar 2000, entfernte sich so weit vom bekannten Bedienkonzept, dass viele treue Nutzer es ablehnten; ein Tester spottete, es habe „all the charm of an elephant on motorized skates“ („den Charme eines Elefanten auf motorisierten Rollschuhen“).

Der Niedergang setzte sich in den frühen neunziger Jahren fort, bis MicroPro schließlich in anderen Firmenstrukturen aufging. Dennoch bleibt WordStar ein kulturelles Phänomen, das weit über seine technische Ära hinausstrahlt. Der Science-Fiction-Autor Robert J. Sawyer schrieb seine Werke bis in die 2010er-Jahre in WordStar 7 unter MS-DOS, und George R. R. Martin erklärte öffentlich, er nutze bis heute WordStar 4.0 auf einem vom Netz getrennten Rechner, weil moderne Programme ihn beim Schreiben störten. Sein Satz „I don’t want any help“ („Ich will keine Hilfe“) beschreibt treffend jene Schlichtheit, die viele Autoren auch Jahrzehnte später noch an WordStar schätzen.

Heute lebt WordStar in Emulationen wie DOSBox-X weiter, und seine Tastenkombinationen haben den Sprung in Unix-Editoren wie „jstar“ geschafft. WordStar ist damit eines der wenigen Textverarbeitungsprogramme, dessen Erbe nicht in Menüs oder Icons, sondern im Muskelgedächtnis seiner Nutzer fortbesteht. Es war nie das freundlichste Programm, aber eines der kraftvollsten – ein Werkzeug aus einer Ära, in der Software nicht dekoriert, sondern geschmiedet wurde, und in der Geschwindigkeit und Präzision den Ausschlag gaben.

Snake – 1997 by Nokia

Snake – Nicht von Nokia erfunden, aber von Nokia unsterblich gemacht

In einer Zeit, als das mobile Internet noch sündhaft teuer mit Dublonen oder der eigenen Seele bezahlt werden musste, war der Mobilfunknutzer auf wenige Möglichkeiten der Unterhaltung während der Busfahrt beschränkt, sofern er nicht immer wieder alte SMS sichten oder aber telefonieren wollte. Nokia hatte mit den Nutzern Mitleid und präsentierte ab 1997 Kurzweil – und diese Kurzweil hieß Snake. Preislich war Snake untrennbar mit dem Kauf eines Nokia-Handys verbunden – es war also faktisch kostenlos. Dass ein monochromes Display mit vier Richtungen und einer stetigen Bewegung der Schlange eine ganze Generation prägen würde, erwartete damals niemand. Doch das Spiel wurde auf über 350 Millionen Geräten ausgeliefert und damit zu einem der populärsten Titel der Welt, gespielt in Pausenhöfen, in U-Bahnen, in überlangen Schulstunden und in stillen Momenten, in denen das Telefon sonst nur Uhrzeit, Akku und die obligatorische SMS-Zahl anzeigte. Doch Nokia hatte das Spiel nicht erfunden.

Als digitale Spiele noch als mathematische Fingerübungen galten und Terminals nur ein paar blockige Zeichen darstellen konnten, entstanden die ersten Linien- und Labyrinthspiele, die später unter dem Namen Snake weltberühmt werden sollten. Unter frühen Bezeichnungen wie Worm, Blockade (Gremlin, 1976) oder Rattler lebte die Idee stets fort: Eine Linie bewegt sich kontinuierlich, wächst beim Einsammeln von Objekten, und der Spieler scheitert, wenn er die eigenen Segmente berührt. Die Mechanik war so elementar, dass sie auf Großrechnern, Homecomputern und später Taschenrechnern gleichermaßen funktionierte – ein Sinnbild für universelles Spieldesign.

Eine besondere Rolle spielte Nibbles.bas, jener kleine QBasic-Klassiker, den Microsoft tatsächlich als Bestandteil von MS-DOS 5.0 und 6.x mitlieferte. Er befindet sich korrekt im QBasic-Verzeichnis und war als Lernbeispiel für angehende Programmierer gedacht, entwickelte sich jedoch rasch zu einem der heimlichen Favoriten im Informatikunterricht. Zusammen mit Gorillas.bas war Nibbles die erste Berührung vieler junger Nutzer mit Code, den man öffnen, verändern und neu starten konnte – eine direkte, greifbare Form des Lernens, bei der man die Mechanik eines Spiels nicht nur sah, sondern begriff. Nibbles selbst setzte auf klar definierte Levelbegrenzungen und strukturierte Spiellogik und wurde dadurch zum Musterbeispiel für elegantes Minimaldesign.

Seine Faszination liegt in einer einfachen, aber brillanten Dynamik: Jeder Erfolg begrenzt den eigenen Raum. Je länger die Schlange, desto enger das Spielfeld, desto knapper die Entscheidungen. Der Spieler schafft sich seine eigene Falle Stück für Stück – und genau dieses stetige Schrumpfen der freien Fläche erzeugt einen Sog, der bis heute wirkt. Snake gehört zu den wenigen Spielen, die vollkommen ohne Ornament funktionieren; alles, was sichtbar ist, hat Bedeutung.

Varianten gibt es unzählige. Einige erhöhen automatisch das Tempo, andere setzen Hindernisse, wieder andere erlauben diagonale Bewegungen oder Mehrspielerduelle. Doch die ikonische Darstellung auf Nokia-Geräten – blockig, piepsend, unmissverständlich – gilt bis heute als die stilprägendste. Sie ist zu einem visuellen Archetyp aller mobilen Spiele geworden, ein Symbol einer Ära, in der man unterwegs spielte, ohne Apps, ohne App Stores, ohne Touchscreens, ja sogar ohne Farbbildschirm.

Online ist Snake nach wie vor fast überall spielbar. Zahlreiche Browser-Umsetzungen greifen die Optik der Nokia-Version auf, Emulatorseiten bieten Nibbles.bas als modifizierbare Originalfassung, und diverse Retroportale halten den minimalistischen Stil lebendig. Manche ältere YouTube-Player-Versionen kannten kleine Easter Eggs, doch diese Funktion ist inzwischen weitgehend verschwunden. Dennoch findet man spielbare Ableger praktisch überall, wo Pixel erlaubt sind.

In der Rückschau erscheint Snake als eines der reinsten Beispiele für zeitloses Spieldesign. Es ist universell verständlich, mechanisch transparent, sofort lernbar und mit jedem zusätzlichen Punkt spannender als zuvor. Gerade diese einfache Logik, die sich auf jedem System – ob Rechner, Handy oder Browser – nahezu unverändert umsetzen lässt, macht Snake zu einem jener Spiele, die nicht altern, sondern schlicht existieren.

Lode Runner – 1983 by Brøderbund Software

Lode Runner (1983) – Minimalismus, Spannung und 150 Wege in die Sucht

Lode Runner (1983) – Minimalismus, Spannung und 150 Wege in die Sucht

Als Anfang der Achtziger an amerikanischen Universitäten noch Lochkarten staubten und Großrechner im Neonflackern brummten, entstand ein Spiel, das mit radikaler Schlichtheit neue Maßstäbe setzte: Lode Runner. Seine Wurzeln liegen in ASCII-Prototypen wie Suicide auf dem Commodore PET, deren Engine bereits sauber getrennte Leveldaten nutzte. Auf einem Prime-550-Minicomputer entstand daraus das Spiel Kong, versteckt hinter dem Tarnbefehl graph. Zeitzeugen berichten, dass auf vielen Universitätsrechnern dieser Befehl zum inoffiziellen Geheimtipp wurde – eine kleine studentische Untergrundszene, die das Fundament legte. Douglas E. Smith übertrug das Konzept später auf den Apple II und entwickelte Miner, eine noch rohe Fassung mit ruckelnden Sprites und schwarz-weißer Optik. Doch das Fundament war gelegt: graben, fliehen, taktieren.

Smith schickte den Prototyp an mehrere Publisher. Broderbund bot den geringsten Vorschuss, aber die besten Royalties – eine Entscheidung, die sich später als Glücksgriff herausstellte. Der Verlag verlangte flüssige Animationen und 150 spielbare Levels. Mit dem eingebauten Editor gelang das nur, weil Freunde, Nachbarskinder und Studenten dutzende Bildschirme entwarfen; ein großer Teil der finalen Levels stammt aus dieser frühen „Volkswerkstatt“, lange bevor der Begriff „User Generated Content“ existierte.

Die Mechanik ist bis heute einzigartig reduziert und deshalb so klar: Der Spieler sammelt Gold, gräbt temporäre Löcher, trickst Wachen aus und nutzt sie manchmal als unfreiwillige Trittsteine. Feste Bildschirme, präzise Wege, missverständnisfrei lesbare Elemente – ein Baukasten, der wie Schach in Echtzeit funktioniert. Die Wachen agieren überraschend clever, sammeln sogar Gold ein, das sie beim Sturz in ein Loch wieder verlieren. Fehler im Timing können ein Level unlösbar machen, doch gerade diese Konsequenz macht den Reiz aus.

Die Apple-II-Version bleibt minimalistisch, einfarbig und beinahe asketisch. Der C64 fügt weichere Sprites und typischen SID-Sound hinzu, während der Atari-8-Bit technisch zwischen beiden liegt. CGA auf dem PC wirkt härter, aber spielmechanisch identisch. In Japan entstand eine zweite Identität: Hudson Softs Famicom-Version bot Scrollbewegungen, Musik, buntere Optik und einen funktionalen Editor, dessen Levels sich per Data Recorder speichern ließen. Irem brachte 1984 sogar eine Arcade-Fassung heraus – bemerkenswert, da hier eines der ersten amerikanischen Heimcomputerspiele zur Grundlage eines japanischen Arcade-Titels wurde.

Der Erfolg war unmittelbar und enorm. Lode Runner wurde schnell zu Broderbunds größtem Hit und verkaufte sich weltweit millionenfach, besonders in Japan. Für Smith bedeutete das hohe Royalties und den plötzlichen Sprung vom Studenten zum unerwartet wohlhabenden Designer eines minimalistischen Puzzle-Plattformers.

Zeitgenössische Magazine lobten die Mischung aus Denksport und Action. Softline nannte das Spiel 1983 „smooth, thoughtful, and quite addictive“ („flüssig, durchdacht und ziemlich süchtig machend“). Computer Gaming World bezeichnete es als „one of the few thinking men's arcade games“ („eines der wenigen Arcade-Spiele für denkende Spieler“). Zzap!64 attestierte der C64-Version: „graphically minuscule and aurally crude, the game's sheer addiction kept my eyes propped open until the owls went to bed“ („grafisch winzig und klanglich grob, aber so süchtig machend, dass ich wach blieb, bis die Eulen schlafen gingen“). Bei den 5th Arkie Awards wurde der Titel 1984 als „outstanding design“ und „irresistible“ ausgezeichnet. In späteren Rückblicken rangiert Lode Runner regelmäßig unter den wichtigsten Apple-II- und Puzzle-Spielen aller Zeiten.

In Deutschland lagen die Preise für die gängigen Heimcomputerfassungen typischerweise zwischen 39 und 59 DM, je nach Händler und System – inflationsbereinigt etwa 55–60 Euro. Spätere Ariolasoft-Budgetversionen („Hits!“) machten den Titel auch für Sparfüchse attraktiv, während die zahlreichen Ports und Varianten für eine beständige Präsenz in Regalen und Magazinen sorgten.

CP/M

CP/M: Die Vision eines Mannes, die zur Blaupause des PCs wurde

 

 

Gary Kildall war einer jener frühen Computerpioniere, die sich selbst kaum als solche betrachteten und dennoch eine ganze Ära prägten. Geboren 1942 in Seattle und später Professor an der Naval Postgraduate School in Monterey, galt er als technisch brillanter Kopf, der lieber experimentierte als sich mit geschäftlichen Formalitäten aufzuhalten. Zeitzeugen beschrieben ihn häufig als außergewöhnlich kreativ, aber nicht als jemanden, der sich besonders für harte Verhandlungen begeisterte – ein Charakterzug, der seine spätere Rolle in der Geschichte der Mikrocomputerindustrie mitprägte.

Seine Karriere begann bei Intel, wo er sich früh mit dem brandneuen 8080-Prozessor beschäftigte, dort die höhere Programmiersprache PL/M entwickelte und Werkzeuge schuf, die er später als „die ersten richtigen Werkzeuge des Mikrocomputerzeitalters“ bezeichnete. Diese Arbeit bildete die Grundlage für seine späteren Betriebssystemexperimente. Doch Intel interessierte sich wenig für eine eigene Betriebssystemlinie. Die Lücke nutzte Kildall – oder genauer gesagt: sie ließ sich durch seine Neugier schließen. Nach Feierabend experimentierte er zuhause mit Diskettencontrollern und schrieb ab 1973 an den ersten Fassungen dessen, was später CP/M werden sollte.

Für Laien lässt sich die Entstehung von CP/M leicht erklären: In den frühen 1970er-Jahren existierten Mikrocomputer meist nur als Prozessoren mit rudimentärer Software. Jeder Hersteller entwickelte eigene Lösungen, Programme ließen sich kaum übertragen, und ein gemeinsamer Standard war nicht in Sicht. CP/M war das erste wirklich weit verbreitete Mikrocomputer-Betriebssystem, das Ordnung in einen Markt brachte, der zuvor aus hunderten nicht miteinander kommunizierenden Inseln bestanden hatte. Es machte die frühen Rechner vergleichbar und erlaubte es, identische Programme auf völlig unterschiedlichen Maschinen zu nutzen. Was heute selbstverständlich ist – ein Betriebssystem, das Dateien verwaltet, den Startvorgang steuert und Programme lädt – war damals ein fundamentaler Fortschritt. Viele Historiker bezeichnen CP/M daher als das erste professionelle Betriebssystem der Personalcomputer-Ära.

CP/M entstand aus Kildalls Arbeit bei Intel, wo er PL/M entwickelte und Werkzeuge für den 8080 schrieb. Nach Feierabend experimentierte er zu Hause mit frühen Diskettensteuerungen und begann ab 1973 an der ersten Version zu arbeiten. Der entscheidende Schritt gelang ihm, als er eine effiziente Methode fand, Diskettenlaufwerke mit Mikroprozessoren anzusteuern – ein technisches Problem, das bis dahin als schwierig galt. Intel zeigte an einem eigenen Betriebssystem wenig Interesse, doch für Kildall war dies der Ausgangspunkt einer neuen Ära.

Gemeinsam mit seiner Frau Dorothy McEwen gründete er Digital Research, jene Firma, die CP/M kommerzialisierte und zur dominierenden Plattform der späten 1970er- und frühen 1980er-Jahre machte. Die Struktur von CP/M war ebenso einfach wie genial. Es bestand aus drei Komponenten: dem BIOS, das alle hardwarespezifischen Routinen enthielt; dem BDOS, der den Zugriff auf Dateien, Laufwerke und Systemdienste regelte; und dem CCP, dem Console Command Processor, der die Kommandozeile bereitstellte. Für Nichtfachleute lässt sich diese Architektur so beschreiben: Das BIOS sprach die Hardware, der BDOS bildete den Kern des Betriebssystems, und der CCP war die sichtbare Benutzerschnittstelle. Gerade diese klare Aufteilung machte CP/M extrem portierbar: Hersteller mussten lediglich ein eigenes BIOS schreiben, während der Rest unverändert blieb.

Die Arbeitsweise war einfach, aber effizient. Nach dem Einschalten erschien das bekannte „A>“-Prompt. Befehle wie DIR oder ERA wurden direkt ausgeführt, externe Programme lagen als .COM-Dateien vor und kehrten nach ihrem Ablauf wieder an das Betriebssystem zurück. Das Dateiformat mit acht Zeichen Dateiname und drei Zeichen Erweiterung, später als „8.3-Format“ bekannt, wanderte später direkt in MS-DOS. Ebenso die Laufwerksbuchstaben A:, B: und C:, die viele heute fälschlich ausschließlich mit Microsoft verbinden.

Wirtschaftlich war CP/M ein Meilenstein. Es gilt heute als das erste kommerziell erfolgreiche 8-Bit-Betriebssystem und lief auf mehreren hundert unterschiedlichen Computern – von North Star und Osborne über Kaypro bis zu Amstrad und zahlreichen industriellen Modellen. Konservative Schätzungen sprechen von über 300 Modellen, einige Archive nennen sogar zwischen 400 und 500, je nach Zählweise. Die enorme Verbreitung war möglich, weil CP/M erstmals portable Software ermöglichte: WordStar, dBASE II oder SuperCalc wurden zu industriellen Standards und prägten ganze Berufsgruppen. Wer CP/M unterstützte, konnte sofort auf einen großen Softwarepool zugreifen, was den Erfolg vieler Hersteller überhaupt erst ermöglichte.

Technisch lief CP/M üblicherweise auf Intel-8080- oder Zilog-Z80-Prozessoren mit 16 bis 64 KB RAM und einem oder zwei 5,25-Zoll-Diskettenlaufwerken. Spätere Versionen wie CP/M Plus (CP/M 3.0) unterstützten durch Bankswitching mehr Speicher und erweiterten den Funktionsumfang deutlich. Ein entscheidender Vorteil gegenüber proprietären Systemen wie Apple DOS oder dem TRS-80-Betriebssystem war die Offenheit: Hersteller konnten ihre Maschinen schnell CP/M-fähig machen, ohne selbst ein komplettes Betriebssystem entwickeln zu müssen.

Einer der am häufigsten diskutierten Momente der Computergeschichte ist die gescheiterte Verhandlung zwischen IBM und Digital Research über eine Lizenz für den IBM PC. Zeitgenössische Dokumente und mehrere Interviews – darunter Tom Rolander im Gespräch für die 1995 ausgestrahlte Folge „The Computer Chronicles: A Tribute to Gary Kildall“ – belegen, dass es zu Missverständnissen kam, teils durch juristische Unklarheiten, teils durch die ungewöhnlich hastig angesetzten Termine. IBM verließ das Treffen ohne Vertrag, Microsoft sprang ein, und MS-DOS wurde zum Standard der PC-Ära. Viele Historiker sehen darin den Punkt, an dem CP/M vom dominierenden System zum „verlorenen Standard“ wurde.

Preislich bewegte sich CP/M in einem Bereich, der je nach Lizenzmodell und Jahr variierte. Typische OEM-Lizenzen lagen zwischen 70 und 100 US-Dollar, was inflationsbereinigt etwa 230–330 US-Dollar im Jahr 2025 entspricht. Umfangreichere Produkte wie CP/M-86 kosteten als Einzelversion zwischen 250 und 400 US-Dollar, inflationsbereinigt ungefähr 780–1250 US-Dollar. Für kleine Firmen und Privatanwender waren dies spürbare Summen, doch angesichts der Stabilität und Portabilität erhielten sie erstmals eine professionelle Softwareumgebung.

Die Nachfolger von CP/M waren ehrgeizig: MP/M brachte Multitasking auf Mikrocomputer, CP/M-86 leitete den Übergang in die 16-Bit-Welt ein, und DR-DOS wurde später zum direkten Konkurrenten von MS-DOS. Doch der Markt hatte sich längst zugunsten der IBM-PC-Kompatibilität entschieden. Was blieb, war ein technisches Fundament, dessen Konzepte – das BIOS-Modell, das 8.3-Dateiformat und die Kommandozeilenarchitektur – in vielen Systemen bis heute weiterleben.

Damit steht CP/M als Monument einer Zeit, in der Mikrocomputer noch wagemutige Experimente waren und jeder Fortschritt eine ganze Branche verändern konnte. Ohne CP/M hätte die junge Personalcomputerwelt keinen einheitlichen Standard besessen – und ohne Gary Kildall wäre diese entscheidende Weiche nie gestellt worden. Er schrieb die Regeln einer Industrie, ohne je das Bedürfnis zu verspüren, sie anderen aufzuzwingen. Genau darin liegt sein Vermächtnis.

 

Buggy Boy – 1985 by Tatsumi

Flagge zeigen! Buggy Boy und der Offroad-Rausch

Buggy Boy CoverIn den Spielhallen von 1985 gab es nicht viele Rennspiele, die gleich beim Anschalten so deutlich sagten: „Ich bin größer als dein Fernseher zu Hause.“ Buggy Boy, entwickelt von Tatsumi Electronics, setzte genau dieses Statement — im wahrsten Sinne dreifach. Die Deluxe-Variante des Automaten nutzte drei nebeneinander angeordnete Monitore für eine Panorama-Sicht, die selbst in der Epoche prächtiger Röhren eine Seltenheit war. Der technische Unterbau: zwei Intel-8086-CPUs für Grafik & Spielablauf, ein Z80 als Sound-Prozessor, flankiert von zwei AY-3-8910-Soundchips, die für dieses prägnant fröhliche Offroad-Gezwitscher verantwortlich waren. Die Auflösung variierte je nach Kabinett, typisch rund 512×224 Pixel, und war schnell genug, um üppig scrollende Rennlandschaften darzustellen. Sprünge über Baumstämme, Banden, Tore und aufblinkende Flaggen ließen das Fahrgefühl hektisch, aber stets nachvollziehbar wirken — Arcade-Physik at its finest.

Die Geschichte? Nun — stellen wir uns einfach vor, dass der Buggy selbst der Held ist. Buggy Boy braucht kein Narrativ, das darüber hinausgeht, dass wir alle einmal über eine Holzrampe fliegen wollen, während ein Publikum uns anfeuert. Die fünf Strecken (Offroad – ein Rundkurs – sowie die Punkt-zu-Punkt-Himmelsrichtungen Nord, Süd, Ost, West) setzen auf eine reine „ein Leben, eine Chance“-Mechanik. Nur Zeitboni durch Tore oder extra Punkte durch waghalsiges Zwei-Räder-Fahren halten das Abenteuer am Leben. Und genauso schnell endet es auch — wie 50 Pfennig in einer deutschen Spielhalle.

Die Entwickler bei Tatsumi nahmen technisch das auf, was sie mit dem Vorgänger TX-1 begonnen hatten: Panorama-Hardware als Spielgefühl, nicht nur als Grafikgimmick. Namen sind aus der Zeit durch fehlende Arcade-Credits nicht eindeutig überliefert, aber mehrere Teammitglieder wanderten später zu Titeln wie Cycle Warriors weiter und behielten ihre Liebe zu außergewöhnlichen Fahrperspektiven. Esist gut erkennbar, dass Buggy Boy als Weiterentwicklung einer Vision entstand: Racing nicht als Simulation, sondern als Fun-Maschine.

Die Heimversionen erzielten dann kleine technische Wunder — besonders auf dem Commodore 64, der eigentlich keine Panoramaberge gewohnt war. Dennoch gelang eine Version, die legendär wurde. ZZap!64 urteilte: „The graphics are absolutely superb — I’ve never seen such a smooth and realistic 3D effect, and the ‘feel’ of the control method is tremendous.“
(„Die Grafik ist absolut hervorragend — so einen weichen und realistischen 3D-Effekt habe ich noch nie gesehen, und das Steuerungsgefühl ist großartig.“)

Bei einem damaligen Preis von etwa £25–30 (entspräche ca. £65–70 heute) wurde hier echtes Arcade-Adrenalin ins Wohnzimmer getragen — ohne dass jemand dafür drei Monitore stapeln musste. Die Amiga- und ST-Versionen gaben mehr Farbe und ruhigeres Scrolling, aber verloren naturgemäß die technische Extravaganz der Automatenhardware. ZX Spectrum und Amstrad CPC kämpften mit reduzierten Bildschirmen und Detailstufen, doch blieben fairste Übersetzungen des Originals: Offroad-Staub zum Anfassen – nur etwas kompakter.

Heute, in der Rückschau, wirkt Buggy Boy wie der charmant freche Cousin der großen Rennspiel-Ikonen: weniger Autobahn-Eleganz, dafür ungezähmte Holperpiste. Ein Spiel, das beweist, dass Spaß nicht größer sein muss als ein kristallklarer Plot — sondern schneller als die Schwerkraft und lauter als zwei AY-Chips auf Touren.

First Samurai – 1991 by Image Works

Erster Schlag des Samurai – Vivid Image schickt uns 1991 auf pixelige Ehrenmission

First Samurai CoverIn einer stillen Stunde des alten Japan fällt der Dämonenkönig über Meister und Schüler her; der Meister sinkt, der junge Krieger schwört Rache und jagt den Feind durch Raum und Zeit. First Samurai übersetzt diese klassische Racheballade in einen Seitenläufer, der Prügeleien, Plattform-Wege und kleine Rätselschleusen verbindet: Faust und Fuß, dann das funkelnde Katana, dazu Wurfäxte und Messer; verliert der Held zu viel Kraft, verliert er sein Schwert – eine elegante Dramaturgie, die in zeitgenössischen Tests als besonderer Spannungshebel hervorgehoben wurde. Die britische Presse war früh begeistert: “From the opening sequence to the final battle, this game drips quality.” („Von der Eröffnungssequenz bis zur letzten Schlacht trieft dieses Spiel vor Qualität.“) schrieb Amiga Power und vergab 91 %. Kurz darauf urteilte Amiga Format: “Gameplay, good coding and gloss. The total arcade package in one game.” („Gameplay, gutes Coding und Glanz. Das komplette Arcade-Paket in einem Spiel.“) – ebenfalls 91 %.

Im deutschsprachigen Raum mochte man vor allem Technik, Farbenreichtum und das Parallax-Scrollen. Amiga Joker brachte es 1/92 schnörkellos auf den Punkt: „First Samurai zur Zeit die ultimative Asien-Prügelei!“ und kam in der Endnote auf 82 % (Grafik 88, Sound 87, Steuerung 78, Dauerspaß 82). CU Amiga hielt parallel drüben auf der Insel fest: “Smarter than the average beat ’em-up.” („Klüger als das durchschnittliche Beat ’em-up.“) und legte 91 % drauf. In Frankreich fielen die Noten sogar noch üppiger aus: Joystick notierte 94 % für die Amiga-Fassung, Génération 4 listete 87 % für die PC-Version im Heft 47 (09/1992) – ein europaweites Schulterklopfen für Vivid Image.

Das Spielgefühl ruht auf drei Säulen: frei atmendes Level-Layout statt enger Arena, kombinatorischer Kampf (Schläge, Tritte, Wurfwaffen) und punktierte Magie (Glocke → Zauberer räumt Hindernisse ab). Das wirkt bis heute wie der wohldosierte Gegenentwurf zur reinen Arcade-Hatz. Visuell überzeugt der Titel mit großflächigen, farbsatten Kulissen; sogar Details wie das helle Aufblitzen der Klinge fanden in Tests Erwähnung. Der vielzitierte Amiga-Reviews-Sammelüberblick fasst die britische Amiga Format-Eloge so zusammen: “Laden with subtle gameplay tricks and stunning effects … everything an Amiga game should be – and more besides. Hallelujah!” („Vollgepackt mit subtilen Gameplay-Tricks und umwerfenden Effekten … alles, was ein Amiga-Spiel sein sollte – und mehr obendrein. Halleluja!“).

Verglichen mit zeitgenössischen Konkurrenten – ob isometrische Last Ninja-Schule oder Arcade-Prügler à la Shadow Dancer – positionierte First Samurai sich als „Abenteuer-Prügler“ mit Wegesuche, Schaltern, Teleports und Geheimnissen. Dass die Idee „nicht revolutionär“ sei, räumte der Amiga Joker selbst ein, lobte aber „technische Brillanz und hervorragendes Gameplay“ – ein Tenor, der die langlebige Reputation erklärt.

Am Markt startete die Heimcomputer-Erstversion im September 1991 (Amiga/Atari ST), gefolgt von C64 und MS-DOS (1992) und einer eigenständig angepassten SNES-Fassung (1993); Jahre später wurden beide Samurai-Teile wieder gebündelt aufgelegt. Die Amiga-Erstauflage lag im Handel bei £ 25.99 in UK bzw. um 84 DM in Deutschland; inflationsbereinigt entspricht das heute ungefähr rund 45 € für die Standardbox.

Firepower – 1987 by MicroIllusions

Fire Power: Zwei Panzer, ein Modem, null Gnade

FirepowerIm Herbst 1987 veröffentlichte MicroIllusions auf dem Commodore Amiga ein Spiel, das damals fast unbemerkt blieb, heute aber als Fundament eines ganzen Subgenres gilt: Fire Power. Entwickelt wurde es von der kleinen kalifornischen Firma Silent Software Inc., mit Reichart Kurt von Wolfsheild als Designer und William A. Ware als Programmierer. Von Wolfsheild sollte später durch Spiele wie Turbo (1988) und Return Fire (1995) bleibenden Einfluss auf taktische Action-Designs nehmen.

Fire Power war ein Experiment, wie sich pure Arcade-Action mit strategischen Elementen verbinden lässt. Von Wolfsheild beschrieb die Idee später in einem Entwicklergespräch so: „Wir wollten ein Kriegsspiel schaffen, das direkt, zerstörerisch und gleichzeitig planbar ist – eine Kombination, die es damals nicht gab.“
Das Szenario ist schlicht, aber effektiv: Zwei Basen, zwei Panzerarmeen, ein Ziel – die gegnerische Flagge rauben und zur eigenen Festung zurückbringen.

Der Spieler steuert seinen Panzer aus der Vogelperspektive durch ein weitläufiges, frei befahrbares Areal mit zerstörbaren Gebäuden, Panzersperren, Bunkern und Radartürmen. Mit jeder Explosion verändert sich die Landschaft sichtbar – für 1987 eine technische Sensation. Dabei gilt es, feindliche Stellungen auszuschalten, Gefangene zu bergen und die feindliche Flagge in die eigene Basis zu bringen.

Das Spiel erlaubte bereits Zwei-Spieler-Matches, entweder im Split-Screen-Modus oder über eine Modem-Verbindung – eine Funktion, die ihrer Zeit Jahre voraus war. Spieler in den USA erinnerten sich später daran, wie sie in den späten Achtzigern nächtelang gegeneinander kämpften, über 2400-Baud-Verbindungen, während das Modem fiepte und die Tanks donnerten.

Technisch schöpfte Fire Power die Möglichkeiten des Amiga aus:

  • Auflösung: 320×200 Pixel
  • Farben: bis zu 32 gleichzeitig
  • Sound: digitalisierte Effekte statt Musik (bewusst minimalistisch)
  • Steuerung: Joystick oder Tastatur, präzise und direkt
  • Spielmodi: Solo, Splitscreen oder Modem

Auf dem Commodore 64 erschien eine abgespeckte Portierung mit kleinerem Spielfeld und vereinfachten Explosionseffekten. Die MS-DOS-Version variierte stark je nach Grafikkarte – CGA-Varianten waren kaum spielbar, EGA- oder VGA-Versionen dagegen erstaunlich nah am Original. Die Apple IIgs-Portierung, umgesetzt von Stephen P. Lepisto bei Sculptured Software, galt als technisch sauber, aber deutlich langsamer.

Musikalisch blieb Fire Power ungewöhnlich still: kein Soundtrack, nur das metallische Rattern, die Detonationen und das tiefe Dröhnen der Geschütze. Diese akustische Leere verlieh dem Spiel eine beklemmende Atmosphäre – fast schon wie ein frühes „audio design“-Experiment.

Die internationale Fachpresse reagierte auf Fire Power überwiegend positiv, wenn auch mit einer gewissen Zurückhaltung. In den USA zeigte sich die Amiga World 1988 besonders angetan von der grafischen und spielerischen Wucht des Titels und schrieb begeistert: “Fire Power brings a real sense of battlefield destruction, more than any tank game before it.” („Fire Power vermittelt ein echtes Gefühl von Schlachtfeld-Zerstörung, mehr als jedes Panzerspiel zuvor.“) Die britische CU Amiga lobte ein Jahr später vor allem die damals visionäre Online-Funktion und urteilte: “The modem option is sheer brilliance, if you can find someone else with the game.” („Die Modem-Option ist schlicht brillant, wenn man jemanden findet, der das Spiel besitzt.“)

Auch auf dem Kontinent fand das Spiel Anklang: Die französische Joystick bewertete die Amiga-Version 1988 mit soliden 82 % und beschrieb sie als „un jeu très moderne et tactique“ („ein sehr modernes und taktisches Spiel“). Die deutsche Happy Computer äußerte sich 1989 im Rahmen eines Technikvergleichs etwas nüchterner, erkannte dem Titel aber immerhin „beachtliche Zerstörungseffekte, aber wenig Abwechslung“ zu. So blieb Fire Power in der Wahrnehmung der Presse ein technisch faszinierendes, spielerisch solideres Experiment – ein Stück kriegslastiger Actiongeschichte, das vor allem durch seine Ideen und sein atmosphärisches Design in Erinnerung blieb.

Obwohl Fire Power kein kommerzieller Riesenerfolg wurde, war es ein enorm einflussreicher Titel. Viele spätere Spiele griffen seine Prinzipien auf: Zerstörbare Umgebungen, kombinierte Solo- und Koop-Modi, Basisraub als Siegbedingung. Von Wolfsheilds Ideen sollten acht Jahre später im 3DO-Titel Return Fire ihre Vollendung finden – demselben Konzept in 3D, nun orchestriert und mit Helikoptern, Jeeps und Bunkern.

Rückblickend gilt Fire Power als Pionier. Es war roh, aber mutig – das erste Spiel, das das Gefühl vermittelte, ein Stück Land wirklich zu verwüsten. Eine Kriegssimulation, ohne Simulation sein zu wollen.

 

Vixen (She-Fox) – 1988 by Martech

She-Fox (1988): Ein Spiel zwischen Anspruch, Absturz und Amazone

Vixen 1988Als She-Fox 1988 erschien, war das Thema weiblicher Heldenfiguren in Computerspielen noch eine Rarität. Die britische Firma Martech Games Ltd. – bekannt durch Titel wie Zoids, Uchi Mata und Eddie Kidd Jump Challenge – wollte das ändern und präsentierte eine blonde, peitscheschwingende Heldin, die auf einem fernen Planeten gegen urzeitliche Kreaturen antrat. Auf dem Papier war das eine Mischung aus Barbarella und Rygar, eine futuristische Amazonin mit einem Hauch Glamour – typisch für die späten Achtziger.

Die Hintergrundgeschichte spielt auf dem Planeten Granath, der seit Äonen von Dinosauriern und fliegenden Bestien überrannt wird. Menschen gibt es dort kaum noch; die Titelheldin „She-Fox“ kämpft als letzte Überlebende gegen die Monster der Urzeit. Mit einer Peitsche bewaffnet, durchstreift sie die Ebenen des Planeten, weicht Abgründen aus, sammelt Energie und kämpft sich durch acht Abschnitte, die sich grafisch voneinander unterscheiden: Wüsten, Dschungel, Höhlen und futuristische Ruinen. Die Gegner variieren leicht, ebenso das Scrollingtempo. Auf den 16-Bit-Systemen (Amiga, Atari ST) wirkt die Grafik deutlich sauberer, während die 8-Bit-Versionen (C64, CPC, Spectrum) unter Ruckeln und unpräziser Kollisionsabfrage leiden.

Das Szenario wirkt wie eine postapokalyptische Parabel mit prähistorischem Einschlag – ein Mix aus Science-Fiction und Fantasy, in dem Muskelkraft wichtiger ist als Logik. Schon die Verpackung bediente das Klischee der „Kriegerin im Metallbikini“ und zielte auf ein männliches Publikum ab, das sich irgendwo zwischen Red Sonja und Heavy Metal-Comic verorten ließ. Martechs Marketing griff diese Ästhetik bereitwillig auf, um nach einigen Misserfolgen wieder Aufmerksamkeit zu erzeugen.

Technisch war She-Fox ein klassisches horizontal scrollendes Actionspiel, das – wie viele späte Martech-Produktionen – an ambitionierten Ideen, aber an schwacher Ausführung litt. Die Steuerung reagierte träge, und das Trefferfeedback war unpräzise. Die Animation der Peitsche sah zwar dynamisch aus, doch fehlte ihr das Gefühl von Wucht. Besonders in den 8-Bit-Versionen litt der Spielfluss unter sichtbaren Ladeverzögerungen. Der C64 zeigte immerhin eine gute Sprite-Darstellung, die CPC-Fassung war farbenfroh, aber kantig, und der Spectrum brachte das Spiel monochrom, jedoch relativ flüssig auf den Bildschirm.

Die 16-Bit-Umsetzungen versprachen Besserung, konnten aber nicht überzeugen. Die Atari-ST-Version zeigte kontrastreiche Hintergründe, allerdings bei mäßigem Scrolling. Die Amiga-Version lief flüssiger, wirkte jedoch leer und unbelebt – mehr Technikdemonstration als echtes Abenteuer. In beiden Fällen fehlte Tiefe, da das Spielgeschehen unverändert blieb: laufen, schlagen, sammeln, weiterlaufen.

Der Soundtrack stammte von Ben Daglish, einem der großen Komponisten der 8-Bit-Ära (The Last Ninja, Trap, Crumble’s Crisis). Seine Titelmelodie gilt als das stärkste Element des Spiels. Besonders auf dem C64 nutzte Daglish die Fähigkeiten des SID-Chips aus, um einen treibenden, rhythmischen Klangteppich zu erzeugen, der deutlich mehr Leben hatte als die Animationen auf dem Bildschirm. Sogar Kritiker, die das Spiel selbst verrissen, lobten die Musik als Lichtblick.

Im Rückblick erkennt man, dass She-Fox vor allem als Marketingversuch zu verstehen ist: ein Spiel, das mit der Idee einer weiblichen Actionfigur Aufmerksamkeit erzeugen sollte, ohne sie inhaltlich zu tragen. Die Titelheldin war Symbol, nicht Figur – ihre Geschichte existierte eher auf dem Cover als im Programm.

Verglichen mit zeitgleichen Spielen wie Thundercats (Elite), Stormlord (Hewson) oder Rastan (Imagine) wirkt She-Fox heute wie ein Nachzügler. Wo andere durchdachtes Leveldesign und Abwechslung boten, setzte Martech auf grafische Reize und ein simples Bewegungsmuster. Selbst die Peitsche, die als Alleinstellungsmerkmal dienen sollte, verkommt schnell zur Routine.

Die Happy Computer (Ausgabe 9/1988, getestet auf Atari ST, C64, CPC, Spectrum) urteilte kritisch: „Müdes, horizontal scrollendes Action-Spiel ohne Glanzpunkte.“ Weiter heißt es: „Spielerisch eine Mischung aus ‚Rygar‘ und ‚Thundercats‘. Nur ein Spieler, geringer Schwierigkeitsgrad.“ Zwar lobte die Redaktion die Musik – „Eingermassen ordentlich sind nur Titelmusik und Sound-Effekte.“ – doch das Fazit fiel ernüchternd aus: „Selbst wenn man berücksichtigt, daß horizontales Scrolling auf dem ST nicht einfach zu realisieren ist, macht das Spiel in dieser Hinsicht keine gute Figur.“

Die ASM (Ausgabe 2/1989, getestet auf C64) formulierte ihre Kritik mit gewohntem Spott und Wortwitz. Schon die Überschrift war ein Seitenhieb: „Der Sound ist willig, doch das Fleisch ist schwach.“ Manfred Kleinmann schrieb: „Der Planet Granath befindet sich seit Äonen in Belagerungszustand. Verantwortlich sind wohl die netten, kleinen Tierchen, die man als Dinosaurier bezeichnen könnte.“ Dann heißt es: „Das Fleisch ist willig, um stundelang vor quadratischen Kisten zu rocken. Die peitschenschwingende Lady lädt den 64er-User kaum eine Sekunde zur Erholung ein.“ Und abschließend fügte der Tester hinzu: „Das soll aber keineswegs heißen, daß SHE-FOX nur so vor Originalität und Spielwitz strotzt.“

Im Fazit steht She-Fox exemplarisch für Martechs spätes Dilemma: große Ankündigungen, aber wenig dahinter. Technisch solide Ansätze, verpackt in ein reizvolles Konzept, scheiterten an spielerischer Tiefe. Und doch hat das Spiel heute einen gewissen Reiz – als Relikt einer Ära, in der Marketing und Covergestaltung manchmal wichtiger waren als der Inhalt selbst. Ein Spiel wie ein B-Movie: mehr Pose als Power, mehr Verpackung als Vision. She-Fox bleibt ein charmantes Mahnmal dafür, dass selbst gute Musik und schöne Pixel keine schwache Spielidee retten. Doch wer die 1980er so liebt wie wir, wird ihr den verwegenen Charme kaum absprechen können.

Dirty Den – 1987 by Probe Software

Dirty Den - 1987 by Probe Software

dirty denAls 1986 das Spiel Dirty Den für den Commodore 16 und den Plus/4 erschien, ahnte wohl kaum jemand, dass hier eines der letzten großen Action-Signale für die kleine Commodore-Reihe gesetzt wurde. Das Spiel, entwickelt von Vakis Paraskeva für Probe Software, wurde in 16 Kilobyte Maschinencode gepresst – eine technische Leistung, wenn man bedenkt, dass allein der Titelbildschirm und die Spiellogik schon einen beachtlichen Teil des Speichers verschlangen. Probe Software, 1984 von Paraskeva und Fergus McGovern gegründet, war damals ein Zwei-Mann-Betrieb, der buchstäblich alles selbst machte: „At this stage everything from packaging to marketing was still done by Fergus and Vakis … it was turning into a 24 hours a day job.“ Übersetzt: „In dieser Phase wurden Verpackung und Marketing noch ganz von Fergus und Vakis gemacht … es entwickelte sich zu einem 24-Stunden-Job.“

Im Mittelpunkt steht der namensgebende Antiheld – Dirty Den – ein kleiner, leicht untersetzter Kerl mit einem roten Overall und dem Mut, den es braucht, um sich durch zwölf gefährliche Räume zu schlagen. Die Handlung ist, wie so oft in der 8-Bit-Ära, schlicht, aber wirkungsvoll: Dens Freundin wurde von einem namenlosen Schurken in einem labyrinthartigen Gebäude voller Fallen, springender Gegner und tödlicher Plattformen eingesperrt. Nur wer alle Tafeln Schokolade in jedem Raum einsammelt – ein augenzwinkerndes Symbol für Energie, vielleicht auch für Dens Schwäche für Süßes – kann das Tor zum nächsten Abschnitt öffnen. Erst wenn alle Räume gemeistert sind, steht Den seiner Angebeteten gegenüber – eine Rettung, die nicht mit Zwischensequenzen, sondern mit einem simplen Textscreen gefeiert wird.

Das Besondere dabei ist die Steuerung. Anders als viele Plus/4-Spiele jener Zeit, die wahlweise auch Joysticks im Standard-Port unterstützten, wurde Dirty Den ausschließlich über die Tastatur gespielt. Laut den Anleitungen auf MobyGames und Plus/4 World nutzte man die Richtungstasten A (links), S (rechts) und SPACE zum Springen – eine spartanische, aber erstaunlich präzise Lösung. Ein Feuerknopf? Fehlanzeige – Den hatte keine Waffe, er überlebte allein durch seine Füße und seinen Mut. Das machte das Spiel gleichzeitig einfacher im Aufbau und schwerer im Timing, denn jede Eingabe musste exakt getaktet werden. Wer versehentlich zu lange auf SPACE drückte oder zu spät auf A wechselte, sah Den in die Tiefe stürzen. Diese Art Tastatursteuerung war damals eine Seltenheit bei Actionspielen, wirkte aber erstaunlich griffig, sobald man sich eingespielt hatte. Manche Sammler nennen es heute liebevoll „Fingerakrobatik auf drei Tasten“.

dirty den c16Das Spiel verläuft in klassischer Bildschirm-zu-Bildschirm-Manier: Jeder Raum ist ein Puzzle aus Leitern, Plattformen und beweglichen Objekten. Feindliche Kreaturen – meist fliegende Wesen, animierte Bälle oder kleine Roboter – bewegen sich nach festen Mustern, und die Herausforderung liegt darin, das Timing ihrer Bahnen zu studieren. Den springt mit erstaunlicher Präzision, was dem Spiel trotz seiner Einfachheit eine gewisse Geschmeidigkeit verleiht. Fallen wie Dornen, rollende Geschosse oder Laserbarrieren zwingen den Spieler zu vorausschauender Bewegung – ein Fehler, und man beginnt den Raum von vorn. Manche Räume haben zusätzlich trickreiche Mechanismen: Plattformen, die unter den Füßen verschwinden, oder Aufzüge, die nur bei Kontakt mit bestimmten Objekten reagieren. Ein kleines, aber feines Detail sind die Schokoladenstücke selbst – sie sind oft so platziert, dass man riskante Sprünge wagen muss, anstatt den sicheren Weg zu nehmen. Dieses Element verleiht Dirty Den einen gewissen Suchtfaktor: „Nur noch einen Versuch, diesmal schaffe ich’s ohne Absturz!“ – ein Satz, den man 1986 in so manchem Kinderzimmer gehört haben dürfte.

Die Steuerung reagiert unmittelbar, doch verlangt sie eiserne Disziplin. Gerade weil der Plus/4-Joystickanschluss nicht verwendet wird, sondern allein die Tastatur, fühlt sich Dirty Den heute beinahe wie ein frühes „Precision-Platformer-Experiment“ an. Eine falsche Bewegung, ein ungeduldiger Sprung – und Den verschwindet in der Tiefe. Manche Tester beschrieben das Gefühl als „gleichzeitig frustrierend und fesselnd“, andere lobten, dass man nach einigen Minuten ein erstaunlich gutes Muskelgedächtnis für die Tasten entwickelt.

Der Bildschirmaufbau war typisch für C16-Produktionen jener Zeit: kein Scrolling, sondern Raum für Raum. Jeder Level wurde als statischer Abschnitt geladen, und die Spielfigur sprang präzise über Abgründe, während kleine Animationen auf das Minimum reduziert waren. Die Gegner bestanden aus simplen Sprites, die mit fester Bahn liefen, manchmal ergänzt durch rotierende Gefahren, die man auswendig lernen musste. Das Spiel bot fünf Leben, und wer alle Räume absolvierte, erhielt ein einfaches „Well Done“ – ein Abschluss, der heute fast rührend schlicht wirkt.

Probe Software hatte sich bewusst entschieden, für die C16- und Plus/4-Gemeinde zu entwickeln, obwohl der Markt bereits schrumpfte. Der Commodore 64 dominierte zu diesem Zeitpunkt alles, doch Probe verstand die kleine Schwesterplattform als Experimentierfeld. Der gewählte Titel Dirty Den sorgte dabei für einen Hauch von Aufsehen, da er zufällig mit einer Figur aus der BBC-Serie EastEnders identisch war – allerdings ohne jede Lizenz. Der Titel war schlicht ein frecher Marketing-Gag. Manche Spieler vermuteten damals einen satirischen Bezug, was Probe mit einem knappen „pure coincidence“ kommentierte.

Kommerziell war Dirty Den kein Kassenschlager, sondern ein Nischenprodukt. Der kleine Markt für Plus/4-Spiele ließ ohnehin keine großen Stückzahlen zu. Dennoch diente der Titel als weiteres Aushängeschild, um Probe Software als ernsthaften Entwickler ins Gespräch zu bringen. Fergus McGovern selbst sah solche Projekte als notwendigen Schritt, um „die Werkzeuge zu schärfen“, bevor man auf größere Plattformen wechselte. Wenige Jahre später sollte Probe Software mit Amstrad- und Spectrum-Titeln sowie später mit 16-Bit-Umsetzungen für Electronic Arts und Acclaim eine erstaunliche Karriere hinlegen.

Die zeitgenössische Kritik war mild, aber respektvoll. In einem Rückblick schrieb ein britischer Sammler 1991: „It’s no classic, but it’s cleanly programmed and tougher than it looks.“ Übersetzt: „Kein Klassiker, aber sauber programmiert und härter, als es aussieht.“ Der Kommentar trifft den Kern: kein Meilenstein, aber ein ehrlicher, handwerklich solider Vertreter jener Übergangszeit, als 8-Bit-Systeme langsam in den Sonnenuntergang rollten.

Über Kontroversen im engeren Sinne lässt sich kaum sprechen, doch einige Spieler beklagten die geringe Abwechslung – manche Räume ähnelten sich zu sehr, und die Gegnerlogik wirkte wiederholend. Auch das Fehlen von Musik wurde damals thematisiert. Tatsächlich hatte der C16 nur einen einfachen Soundchip, der wenige Tonkanäle erlaubte, und die meisten Effekte wurden direkt aus der Spielroutine generiert. Einen dedizierten Komponisten nennt keine Quelle; wahrscheinlich schrieb Paraskeva selbst die kurzen Soundroutinen.

Trivia am Rande: Dirty Den ist laut Plus/4 World als „PAL Only“ gekennzeichnet, was bedeutet, dass NTSC-Systeme Timingprobleme bekamen – eine typische Eigenart europäischer Produktionen. Die Community-Bewertung dort liegt heute bei 6,1 von 10 Punkten aus sieben Stimmen – kein Ruhmesblatt, aber ein ehrenvolles Andenken. Ein weiteres Kuriosum: Das Spiel besitzt tatsächlich ein Ende, was bei Plus/4-Shootern und Plattformern selten war; die meisten Spiele liefen damals endlos auf Highscore.

In der Summe war Dirty Den weniger ein wirtschaftlicher Triumph als ein Fingerabdruck einer Ära, in der Entwickler wie Paraskeva mit schierer Leidenschaft und wenig Schlaf ganze Welten in 16 Kilobyte zauberten. Der Titel bleibt ein Stück Computergeschichte, ein ironisches Relikt jener Zeit, als man Schokolade, Liebe und Pixelhelden noch auf Kassette kaufen konnte – und das ganz ohne Downloadbutton.