Fujitsu FM-77AV20: 4096 Farben im japanischen Heimcomputer
Mitte der 1980er-Jahre befand sich der japanische Heimcomputermarkt in einer besonders lebhaften Phase. Während in Europa Systeme wie Commodore 64, ZX Spectrum oder Amstrad CPC die Wohnzimmer prägten und sich in den USA zunehmend IBM-kompatible PCs durchsetzten, entwickelte sich in Japan eine eigenständige Computerlandschaft mit mehreren konkurrierenden Plattformen. In den Elektronikgeschäften von Tokio oder Osaka standen unterschiedliche Systeme nebeneinander: NEC bot seine populäre PC-8801-Serie an, Sharp vermarktete die X1-Reihe, und zahlreiche Hersteller unterstützten den MSX-Standard. In diesem Umfeld positionierte Fujitsu seine FM-Computer als leistungsfähige Heimrechner mit erweiterten Grafik- und Klangfähigkeiten.
Die Grundlage dieser Plattform bildete der FM-7, den Fujitsu 1982 vorgestellt hatte. Sein auffälligstes Merkmal war eine ungewöhnliche Architektur mit zwei Prozessoren, die unterschiedliche Aufgaben übernahmen. Dieses Konzept blieb auch bei späteren Modellen der Reihe erhalten und wurde in der FM-77AV-Generation weitergeführt. Der FM-77AV20 gehört zu dieser Familie und wurde von Fujitsu am 23. Oktober 1986 vorgestellt. Die Geräte dieser Serie vermarktete der Hersteller ausdrücklich als „Audio-Visual Computer“, also als Systeme, die Grafik, Klang und audiovisuelle Erweiterungen stärker betonen sollten als frühere Heimcomputer derselben Linie.
Im Zentrum des Systems steht weiterhin die charakteristische Dual-CPU-Architektur der FM-Reihe. Als Hauptprozessor arbeitet ein MBL68B09E mit 2 MHz, ergänzt durch einen zweiten MBL68B09E, der ebenfalls mit 2 MHz betrieben wird und bestimmte Steuer- und Grafikaufgaben übernimmt. Diese Aufgabenteilung war innerhalb der FM-Familie ein markantes Konstruktionsmerkmal: Während die Haupt-CPU die Programmlogik ausführte, konnte die Sub-CPU Teile der Bildverarbeitung und Systemsteuerung übernehmen. Für Entwickler bedeutete dies eine leistungsfähige, aber auch anspruchsvolle Architektur, die ein sorgfältiges Zusammenspiel beider Prozessoren erforderte.
Zur Grundausstattung gehörten 128 KB Hauptspeicher, ausbaubar auf 192 KB, sowie 96 KB Videospeicher. Für einen 8-Bit-Heimcomputer der Mitte der 1980er-Jahre war dies eine durchaus großzügige Ausstattung und unterstrich den Anspruch der AV-Serie, grafisch anspruchsvollere Anwendungen zu ermöglichen.
Besonders auffällig war die Grafikarchitektur des Systems. Zu den zentralen Grafikmodi gehörten 640 × 200 Pixel mit acht gleichzeitig darstellbaren Farben sowie 320 × 200 Pixel mit bis zu 4096 gleichzeitig sichtbaren Farben. Diese Fähigkeit war für einen Heimcomputer dieser Klasse ungewöhnlich. Das Computer Museum der Information Processing Society of Japan (IPSJ) – einer der wichtigsten japanischen Fachgesellschaften für Informatik – hebt die FM77AV-Reihe ausdrücklich als ein System hervor, das im Heimcomputerbereich die bis dahin typische „8-Farben-Grenze“ überschritt. Im Vergleich dazu arbeiteten viele bekannte Heimcomputer jener Jahre mit deutlich kleineren Farbpaletten: Der Commodore 64 verfügte über eine Palette von 16 Farben, der ZX Spectrum über acht Grundfarben mit Helligkeitsvariante, und auch viele frühe japanische Systeme blieben im Alltag näher an klassischen 8- oder 16-Farben-Konzepten. Vor diesem Hintergrund war die 4096-Farben-Darstellung der FM-77AV-Serie ein bemerkenswertes Merkmal und ein wichtiger Bestandteil von Fujitsus Marketingstrategie.
Auch im Klangbereich erhielt die AV-Generation ein deutliches Upgrade. Der Rechner bot FM-Sound und PSG-Sound mit jeweils drei Stimmen und acht Oktaven, ergänzt durch einen einfachen System-Beeper. Diese Kombination ermöglichte sowohl klassische Rechteckklänge als auch komplexere FM-Synthese und verlieh vielen Anwendungen einen deutlich reichhaltigeren Klang als bei früheren Heimcomputern der FM-Serie. Angaben zu dieser Ausstattung finden sich unter anderem im Oh!FM-7 Museum, einem umfangreichen Online-Archiv zur Fujitsu-FM-Computerfamilie, das aus der historischen japanischen Computerzeitschrift Oh!FM hervorgegangen ist.
Als BASIC-Umgebung stand im ROM F-BASIC V3.02 zur Verfügung; zusätzlich wurde F-BASIC V3.3 L20 auf einer Einführungsdiskette ausgeliefert. BASIC spielte im japanischen Heimcomputermarkt weiterhin eine zentrale Rolle, da viele Programme aus Computerzeitschriften oder Lehrbüchern abgetippt und anschließend verändert oder erweitert wurden. Auch die FM-Serie lebte stark von dieser Kultur des Experimentierens und Lernens.
Zur Massenspeicherung verwendete der FM-77AV20 3,5-Zoll-Diskettenlaufwerke mit 640 KB Kapazität. Das Modell erschien in zwei Varianten: als FM-77AV20-1 mit einem Laufwerk und als FM-77AV20-2 mit zwei Laufwerken. Diese Kapazität wird häufig mit älteren Angaben aus der ursprünglichen FM77AV-Generation verwechselt, deren Laufwerke teilweise noch mit 320 KB arbeiteten. Beim AV20 gehörten jedoch 640-KB-Disketten bereits zur Standardausstattung.
Ein weiteres Merkmal der AV-Serie war die Unterstützung von Superimposition- und Video-Digitalisierungsfunktionen. Dabei konnte der Computer sein Bild über ein externes Videosignal legen oder Videobilder digital erfassen. Diese Funktionen waren allerdings nicht zwingend Bestandteil der Grundkonfiguration, sondern wurden über entsprechende Erweiterungen realisiert. Gerade diese Möglichkeit, Computer- und Videobild zu kombinieren, erklärt den von Fujitsu gewählten Begriff „Audio-Visual Computer“.
Die Tastatur des Systems war als separate Einheit ausgeführt und vom Hauptgerät abgesetzt. Hinweise auf besondere Eingabetechniken oder drahtlose Varianten existieren in der Sammler- und Restaurationsszene, doch für den FM-77AV20 selbst ist in erster Linie diese klassische, getrennte Tastatureinheit gesichert dokumentiert.
Preislich bewegte sich der Rechner im gehobenen Segment des Heimcomputermarktes. Zeitgenössische Angaben nennen 138.000 Yen für den FM-77AV20-1 und 168.000 Yen für den FM-77AV20-2 (inflationsbereinigt etwa 2300 – 2400 € im Jahr 2026). Damit war das System deutlich teurer als viele einfache Heimcomputer, bot jedoch auch eine entsprechend erweiterte Ausstattung.
In technischen Unterlagen und Datenträgern taucht für das Modell außerdem der interne Codename „Leo“ auf; im Umfeld des FM-77AV20 wird häufig die Bezeichnung „LEO1“ vermutet. Solche internen Projektnamen waren bei japanischen Herstellern der Zeit keineswegs ungewöhnlich und dienten vor allem der Entwicklung und Dokumentation innerhalb der jeweiligen Produktlinien.
Der FM-77AV20 steht damit innerhalb der FM-77AV-Familie für eine Variante, die die bestehende Architektur der Plattform nicht grundlegend veränderte, sie jedoch in wichtigen Punkten ausbaute. Die Kombination aus Dual-CPU-Konzept, erweiterten Grafikmodi, FM-Sound, 3,5-Zoll-Diskettenlaufwerken und optionalen Video-Funktionen zeigt deutlich, wie eigenständig sich der japanische Heimcomputermarkt in der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre entwickelte – mit Systemen, die oft ganz andere technische Schwerpunkte setzten als ihre westlichen Gegenstücke.