Atari 520ST (1985) – Ataris Neustart zwischen Amiga und Macintosh

Rama, CeCILL, via Wikimedia Commons

Ataris doppelter Neustart

Auf der Winter CES im Januar 1985 präsentierte Atari keinen einheitlichen Neubeginn, sondern zwei Computerlinien mit sehr unterschiedlicher Aufgabe. Der 65XE und der 130XE führten die vorhandene 8-Bit-Architektur weiter. Sie waren kompatibel zu den bisherigen Atari-Heimcomputern, erhielten jedoch ein flacheres Gehäuse, das bereits die Formsprache der neuen Modelle aufgriff. Daneben stand die ST-Familie: Rechner mit Motorola-68000-Prozessor, grafischer Benutzeroberfläche, Maus und einer Technik, die mit den älteren Atari-Computern kaum noch etwas gemeinsam hatte.

Die XE-Reihe hielt Ataris bestehendes 8-Bit-Geschäft mit vorhandener Software, Zubehör und Händlerkontakten am Leben. Der 520ST war daher nicht der erste Computer, den die neue Atari Corporation unter Jack Tramiel verkaufte. Er war jedoch die erste vollständig neue Rechnerarchitektur, die unter seiner Leitung bei Atari entstand.

Tramiel hatte Commodore im Januar 1984 nach einem endgültigen Bruch mit dem Aufsichtsratsvorsitzenden Irving Gould verlassen. Wenige Monate später gründete er gemeinsam mit seinen Söhnen Tramel Technology Ltd. und holte mehrere frühere Commodore-Mitarbeiter in das neue Unternehmen. Zu ihnen gehörte Shiraz Shivji, der zuvor im Entwicklungsteam des Commodore 64 gearbeitet hatte und nun die technische Leitung eines neuen Computerprojekts übernahm.

Ende April oder Anfang Mai 1984 begann das kleine Team mit den ersten Planungen. Der Rechner sollte die inzwischen erschwingliche 16/32-Bit-Technik nutzen, Bitmap-Grafik darstellen und über eine grafische Benutzeroberfläche bedient werden. Gleichzeitig musste er deutlich günstiger herzustellen sein als ein Apple Macintosh oder ein gut ausgestatteter IBM-PC. Der interne Arbeitstitel brachte diese Vorgabe ohne jede Werbepoesie auf den Punkt: RBP – Rock Bottom Price.

Zu diesem Zeitpunkt gehörte Atari noch Warner Communications. Das Unternehmen hatte durch den Einbruch des amerikanischen Videospielmarktes hohe Verluste angehäuft, und Warner suchte nach einem Käufer für die Heimcomputer- und Konsolensparte. Tramiel erhielt damit etwas, das Tramel Technology selbst nicht besaß: eine bekannte Marke, Produktionsmöglichkeiten, internationale Vertriebswege und ein bestehendes Sortiment, mit dem sich die Zeit bis zur Fertigstellung des neuen Rechners überbrücken ließ.

Am 2. Juli 1984 übernahm Tramiel Ataris Consumer-Sparte und formte daraus die Atari Corporation. Das vorhandene 8-Bit-Geschäft wurde nicht beendet, sondern mit der XE-Reihe kostengünstig fortgesetzt. Parallel zog Shivjis Mannschaft in Ataris Gebäude an der Borregas Avenue in Sunnyvale ein und arbeitete das RBP-Konzept zu einem serienfähigen Computer aus.

Anfang 1985 standen damit zwei Atari-Generationen nebeneinander: Die XE-Modelle verlängerten die vorhandene 8-Bit-Linie, der 520ST sollte Atari mit Maus, grafischer Oberfläche und Motorola 68000 in eine neue Rechnerklasse führen. Vor Tramiels Ankunft hatte das alte Atari allerdings bereits einen anderen Weg vorbereitet: den Vertrag mit Amiga Corporation über Lorraine.

Zwei Wege zum 68000-Rechner

Das noch von Warner Communications kontrollierte Atari hatte bereits seit 1983 mit der Amiga Corporation über deren neues Computersystem verhandelt. Im Zentrum stand Lorraine, eine auf dem Motorola 68000 basierende Architektur mit drei eigens entwickelten Bausteinen für Grafik, Ton und Speicherzugriffe.

Amiga Corporation verfügte über ehrgeizige Technik, benötigte aber dringend weiteres Kapital. Atari stellte dem Unternehmen im März 1984 zunächst 500.000 Dollar zur Verfügung. Die Vereinbarung war erheblich umfangreicher als ein gewöhnlicher Überbrückungskredit: Geplant waren eine Beteiligung an Amiga sowie weltweite Nutzungsrechte an den drei Spezialchips. Im Videospielbereich sollten Ataris Rechte exklusiv sein; einen eigenständigen Computer mit der Technik hätte das Unternehmen nach dem vorgesehenen Zeitplan ab März 1986 verkaufen dürfen.

Als Sicherheit musste Amiga technische Unterlagen bei der Bank of America hinterlegen. Dazu gehörten Logikpläne, Funktionsbeschreibungen, Software und Anweisungen für die Chipfertigung. Kam der endgültige Lizenzvertrag nicht zustande und wurde der Kredit bis zum 30. Juni 1984 nicht zurückgezahlt, hätte Atari auf diese Unterlagen und weitreichende, vollständig abgegoltene Nutzungsrechte zugreifen können. Einen automatischen Besitzübergang der gesamten Amiga Corporation sah die Vereinbarung jedoch nicht vor.

Das damalige Atari beschäftigte sich bereits mit einem eigenen Rechner auf Grundlage der Lorraine-Technik. In später aufgefundenen Atari-Unterlagen erscheint dafür die Bezeichnung Atari 1850XLD mit dem Codenamen Mickey. Der spätere ST-Entwickler Matt Householder erinnerte sich daran, den Lorraine-Chipsatz noch vor Tramiels Ankunft anderen Atari-Ingenieuren vorgestellt zu haben.

Amiga konnte die 500.000 Dollar nicht aus eigener Kraft zurückzahlen und suchte erneut nach einem Geldgeber. Kurz vor Ablauf der Frist sprang ausgerechnet Commodore ein und ermöglichte die Rückzahlung an Atari. Im August 1984 übernahm Commodore schließlich die Amiga Corporation und finanzierte die weitere Entwicklung von Lorraine bis zum späteren Amiga 1000.

Das bereits bei Tramel Technology begonnene RBP-Projekt entstand unabhängig von Lorraine. Nach dem Einzug in die Atari-Gebäude standen Shivjis Team zusätzliche Ingenieure, Entwicklungsräume und die Infrastruktur eines etablierten Computerherstellers zur Verfügung.

Atari klagte im August 1984 gegen Amiga und später auch gegen Commodore. Der Rechtsstreit zog sich bis 1987 hin und endete mit einer vertraulichen außergerichtlichen Einigung. Während die juristische Auseinandersetzung anlief, trieb Atari die einfachere und kostengünstiger konstruierte ST-Architektur voran; Commodore finanzierte dagegen die Fertigstellung der aufwendigeren Lorraine-Technik.

Commodore brachte damit einen Rechner zur Marktreife, dessen Spezialchips von früheren Atari-Ingenieuren um Jay Miner entwickelt worden waren. Bei Atari arbeitete währenddessen der frühere Commodore-Chef mit ehemaligen Commodore-Mitarbeitern am 520ST.

Fünf Monate bis zur CES

Nach dem Einzug in die Atari-Gebäude arbeitete Shiraz Shivjis Mannschaft auf die Winter CES im Januar 1985 hin. Bis dahin musste der neue Computer Programme ausführen, Grafik darstellen und sich über Maus und Fenster bedienen lassen. Für die Entwicklung von Hardware, Gehäuse und Systemsoftware blieben nur wenige Monate.

Zunächst war noch offen, welcher Prozessor zum Einsatz kommen sollte. Shivji und sein Team beschäftigten sich mit dem NS32016 und dem NS32032 von National Semiconductor, weil der neue Rechner ursprünglich als echtes 32-Bit-System gedacht war. Lieferbarkeit und Preis überzeugten jedoch nicht. Auch ein Versuchsgerät mit dem NS32032 blieb nach Shivjis Erinnerung hinter den Erwartungen zurück. Atari entschied sich deshalb für den bereits verfügbaren Motorola 68000.

Bei der Auswahl weiterer Bauteile spielte der Preis ebenfalls eine zentrale Rolle. Shivji berichtete später, Motorola habe Komponenten angeboten, die einzelne Spezifikationen nicht vollständig erfüllten und deshalb regulär schwer verkäuflich waren. Atari legte die Schaltung so aus, dass die betreffenden Eigenschaften nicht benötigt wurden, und konnte die Bauteile günstiger beziehen.

Das Hardwareteam bestand im Kern aus wenigen früheren Commodore-Ingenieuren und wurde durch Mitarbeiter des übernommenen Atari ergänzt. Die Konstruktion verband den 68000 mit einigen eigens entwickelten Logikbausteinen und einer Reihe verfügbarer Standardkomponenten. Auf einen Spezialchipsatz von der Größenordnung des Amiga verzichtete Atari.

Parallel entstand die grafische Arbeitsumgebung. Microsoft bot Atari eine Anpassung von Windows an, konnte nach Einschätzung der Tramiels jedoch nicht rechtzeitig liefern. Atari entschied sich daher für GEM von Digital Research. Im September 1984 zog ein großer Teil der Softwaremannschaft für mehrere Monate nach Monterey. Dort musste für den IBM-PC geschriebener 8086-Assemblercode auf den 68000 übertragen und weiterer Programmcode an die ST-Hardware angepasst werden.

Matt Householder arbeitete in Monterey an Routinen zum Zeichnen von Linien und Polygonen. Außerdem programmierte er eine Breakout-Variante als GEM-Desk-Accessory. Das kleine Spiel demonstrierte, dass ein Zubehörprogramm innerhalb der grafischen Umgebung aufgerufen werden konnte, ohne dafür den Desktop vollständig zu verlassen.

Zur CES brachte Atari fünf ST-Systeme nach Las Vegas. GEM lief dort noch auf CP/M-68K, und auch Gehäuse und Systemsoftware entsprachen nicht vollständig der späteren Serienausführung. Shivji bezifferte den Entwicklungsstand auf ungefähr 85 Prozent. Die oft genannten fünf Monate reichen daher vom Beginn der konkreten Entwicklungsarbeit bis zu funktionsfähigen Vorführgeräten – nicht bis zum endgültigen Verkaufsmodell.

Atari nannte zunächst einen 130ST mit 131.072 Byte und einen 520ST mit 524.288 Byte Arbeitsspeicher. Der 130ST verschwand noch vor dem Verkaufsstart. Da das Betriebssystem zunächst in den Arbeitsspeicher geladen werden musste, hätte die kleinere Ausführung nur wenig Platz für Anwendungen gelassen; zugleich sanken die Speicherpreise. Eine reguläre Serienfertigung des ebenfalls geplanten 260ST mit 256 KiB lässt sich bislang nicht belegen. Die dokumentierten europäischen 260ST-Geräte besitzen gewöhnlich bereits 512 KiB und unterscheiden sich vor allem durch Typenschild und frühe TOS-Ausführung vom 520ST.

Im Februar 1985 entschied sich Atari, CP/M-68K durch das noch junge GEMDOS zu ersetzen. Es bot eine höhere Leistung und ein hierarchisches Dateisystem, war aber noch nicht vollständig erprobt. Während die Software weiterbearbeitet wurde, fertigte Atari im Frühjahr ungefähr hundert ST-Systeme für externe Entwickler. Im Juni liefen in Taiwan die ersten Seriengeräte des 520ST vom Band.

Der 520ST auf dem Schreibtisch

Beim ursprünglichen 520ST steckten Rechner und Tastatur in einem flachen Gehäuse. Netzteil und Diskettenlaufwerk standen separat daneben, wobei auch das Laufwerk eine eigene Stromversorgung benötigte. Ein vollständiger Arbeitsplatz bestand damit aus mehreren Geräten und entsprechend vielen Kabeln. Dafür blieben Maus- und Joystickanschlüsse gut erreichbar an der rechten Gehäuseseite; bei den späteren STF- und STFM-Modellen wanderten sie unter das Gehäuse.

Motorola MC68000

Motorola MC68000

Im Inneren arbeitete ein Motorola 68000 mit 8 MHz. Seine allgemeinen Register waren 32 Bit breit, der externe Datenbus dagegen 16 Bit – daher die Bezeichnung ST für „Sixteen/Thirty-two“. Über den 24 Bit breiten Adressbus konnte der Prozessor theoretisch 16 MiB ansprechen. Ausgeliefert wurde der 520ST mit 512 KiB RAM. Bei den frühen Geräten belegte das von Diskette geladene TOS einen beträchtlichen Teil davon; mit dem späteren ROM-TOS stand entsprechend mehr Speicher für Programme bereit.

Atari ergänzte den 68000 um mehrere eigene Logikbausteine. Die MMU organisierte die Zugriffe auf den gemeinsamen Arbeitsspeicher und versorgte den Shifter mit den Bilddaten. GLUE erzeugte unter anderem Auswahl-, Takt-, Synchronisations- und Interruptsignale. Der DMA-Baustein übertrug Daten zwischen Speicher und Massenspeichern. Hardware-Sprites oder einen Blitter besaß der ursprüngliche 520ST nicht. Scrolling und das Verschieben größerer Bildbereiche mussten daher weitgehend durch den Prozessor erledigt werden.

Für die Bildausgabe standen drei feste Modi zur Verfügung. ST Low zeigte 320 × 200 Bildpunkte mit 16 gleichzeitig sichtbaren Farben aus einer Palette von 512. Die Darstellung lief bei europäischen Geräten gewöhnlich mit 50 Hz, konnte aber auch mit 60 Hz erzeugt werden. Die meisten Spiele verwendeten diesen Modus, da er als einziger 16 Farben gleichzeitig bot. Alle drei Bildschirmmodi belegten rund 32.000 Byte Bildspeicher; der Vorteil von ST Low lag daher nicht im Speicherbedarf, sondern in der höheren Farbtiefe.

ST Medium stellte 640 × 200 Bildpunkte mit vier Farben aus derselben Palette dar und arbeitete ebenfalls mit 50 oder 60 Hz. Der Modus erlaubte auf einem Farbmonitor eine Darstellung mit 80 Zeichen pro Zeile, blieb vertikal jedoch auf 200 Bildzeilen beschränkt. Er wurde vom Desktop und von einzelnen Anwendungen genutzt, erreichte für längere Text- und Konstruktionsarbeiten aber nicht die Bildschärfe des Monochrommodus.

Mit dem monochromen SM124 wechselte der Rechner automatisch auf 640 × 400 Bildpunkte bei ungefähr 71,2 Hz. Das Bild wurde ohne Zeilensprung aufgebaut und wirkte entsprechend ruhig. Viele Textverarbeitungen, Programmiersysteme, Tabellenkalkulationen, CAD- und später DTP-Programme bevorzugten diesen Modus oder setzten ihn voraus. Ein gewöhnlicher ST-Farbmonitor konnte die dafür benötigte Zeilen- und Bildfrequenz nicht darstellen, sodass Farb- und Monochrombetrieb unterschiedliche Monitore erforderten.

Motherboard des Atari 520 ST

Für den Ton sorgte ein Yamaha YM2149F, der eine Lizenzfertigung des AY-3-8910 darstellte. Er bot drei getrennt programmierbare Tonkanäle sowie einen gemeinsamen Rausch- und Hüllkurvengenerator. Die Ausgabe war monophon. Eigene digitale Audiokanäle besaß der 520ST nicht; Samples ließen sich dennoch wiedergeben, indem Programme die Lautstärkeregister des Yamaha-Chips in schneller Folge veränderten. Diese Methode beanspruchte den Prozessor und blieb technisch deutlich einfacher als die Sample-Hardware des Amiga.

Ab Werk waren MIDI In und MIDI Out vorhanden. Die Schnittstelle arbeitete mit den standardisierten 31,25 Kilobaud und erlaubte den direkten Anschluss von Synthesizern, Drumcomputern und anderen MIDI-Geräten. Shiraz Shivji erinnerte sich später, dass die dafür zusätzlich benötigte Hardware nur etwa 75 US-Cent gekostet habe. Für Musiker entfiel damit der Kauf eines separaten Interfaces.

Das erste Diskettenlaufwerk befand sich ebenfalls außerhalb des Rechners. Das einseitige SF354 speicherte formatiert ungefähr 360 KiB, das doppelseitige SF314 etwa 720 KiB. Die in der Werbung genannten 400 beziehungsweise 800 KB bezeichneten die unformatierte Kapazität. Weitere Laufwerke konnten angeschlossen werden; für Festplatten und andere schnelle Geräte besaß der ST bereits die als DMA-Port bezeichnete ACSI-Schnittstelle.

Zur weiteren Ausstattung gehörten eine serielle RS-232-Schnittstelle, ein paralleler Druckeranschluss, der Monitorport, der Anschluss für externe Diskettenlaufwerke und ein Cartridge-Schacht für ROM-Module. Der ursprüngliche 520ST besaß keinen HF-Modulator und konnte daher nicht ohne zusätzliche Hardware an den Antenneneingang eines Fernsehers angeschlossen werden. Erst der 520STM ergänzte einen solchen Ausgang.

Extern ließ sich das System ohne Eingriff in den Rechner um Laufwerke, Festplatte, Drucker, Modem oder MIDI-Geräte erweitern. Für interne Aufrüstungen fehlten jedoch Steckplätze. Bereits 1986 wurden Speichererweiterungen auf 1 MiB angeboten, deren Einbau je nach Ausführung Adapterplatinen, zusätzliche Leitungen zur MMU und Lötarbeiten erforderte. Spätere Lösungen erhöhten den Speicher auf bis zu 4 MiB, die reguläre Obergrenze der ursprünglichen ST-Speicherverwaltung.

Beschleuniger erschienen erst Jahre nach dem Verkaufsstart. Angeboten wurden später Karten mit einem 68000 bei 16 MHz sowie Lösungen mit 68020- und 68030-Prozessoren. Der Einbau erforderte je nach Modell Eingriffe am Prozessorsockel oder an der Hauptplatine; als einfacher Steckkartenrechner war der 520ST nicht konstruiert.

TOS kam zunächst von Diskette

TOS 1.0

Aus GEMDOS, den grafischen Bestandteilen von GEM und Ataris hardwarenahen Routinen entstand TOS. Atari löste die Abkürzung offiziell als „The Operating System“ auf; im Entwicklerumfeld war auch „Tramiel Operating System“ gebräuchlich. Auf dem Bildschirm erschien der GEM Desktop mit Laufwerkssymbolen, Fenstern, Pulldown-Menüs und Mauszeiger. Programme ließen sich per Doppelklick starten, Dateien konnten markiert, kopiert, umbenannt oder in den Papierkorb gezogen werden. Für Besitzer eines 8-Bit-Heimcomputers ersetzte diese Oberfläche viele zuvor von Hand eingegebene Lade- und Dateibefehle.

Unterhalb des Desktops verwaltete GEMDOS Dateien, Verzeichnisse, Speicher und den Start von Programmen. AES stellte Fenster, Menüs und Dialogfelder bereit, VDI übernahm die grafische Ausgabe. BIOS und XBIOS bildeten die Verbindung zu Laufwerken, Bildschirm, Tastatur und den übrigen Geräten.

Ein Teil der frühen 520ST enthielt noch nicht das vollständige Betriebssystem im ROM. Stattdessen saßen auf der Hauptplatine zwei Boot-ROMs mit zusammen 16 KiB, die TOS von einer Diskette in den Arbeitsspeicher luden. Der Start dauerte dadurch länger, und ein erheblicher Teil der vorhandenen 512 KiB war bereits belegt, bevor eine Anwendung lief. Ohne Systemdiskette konnte der vollständige Desktop nicht geladen werden.

Die spätere Ausführung enthielt TOS in sechs ROM-Bausteinen mit zusammen 192 KiB. Der Rechner startete nun direkt bis zum Desktop, während der zuvor von TOS belegte RAM für Programme verfügbar blieb. Disketten- und ROM-TOS gehörten beide zur frühen Produktionszeit des 520ST und lassen sich deshalb nicht einfach anhand der Modellbezeichnung unterscheiden.

Der feste Einbau erschwerte allerdings Aktualisierungen. Eine neue TOS-Version wurde nicht wie ein gewöhnliches Programm installiert; dazu mussten die ROM-Bausteine im geöffneten Rechner ausgetauscht werden. Im Gegenzug war das Betriebssystem sofort verfügbar und benötigte keine eigene Startdiskette mehr.

TOS führte normalerweise nur eine Hauptanwendung aus und bot kein präemptives Multitasking wie das Betriebssystem des Amiga. Kleine Desk Accessories – beispielsweise Uhr, Taschenrechner oder Kontrollfeld – blieben im Speicher und konnten über das Desk-Menü aufgerufen werden. Während ein solches Zubehörprogramm aktiv war, pausierte jedoch die eigentliche Anwendung.

Power without the Price

Im Juni 1985 liefen in Taiwan die ersten serienmäßigen 520ST vom Band. Bis der Rechner regulär bei den Käufern ankam, verging jedoch noch einige Zeit. Die Oktober-Ausgabe von COMPUTE! beschrieb ihn in den USA gerade erst als zunehmend breit verfügbar. In Westdeutschland wurde der 520ST seit Mitte September im Computerfachhandel und in einigen ausgewählten Kaufhäusern verkauft.

In den USA bot Atari den Rechner als vollständiges System an. Der 520ST kostete mit externem Diskettenlaufwerk, Maus, Systemsoftware und hochauflösendem Monochrommonitor 799 Dollar. Das entsprechende Paket mit RGB-Farbmonitor wurde für 999 Dollar angeboten. Damit trat Atari nicht nur gegen andere Heimcomputer an, sondern ausdrücklich gegen erheblich teurere Systeme von Apple und IBM.

Eine amerikanische Anzeige brachte diesen Vergleich besonders aggressiv auf den Punkt. Unter der Überschrift „There’s only one word for these prices: Rip-off“ stellte Atari seinem für 799,95 Dollar angebotenen Monochromsystem einen Macintosh 512 für 2.795 Dollar, einen IBM PC/AT für 4.675 Dollar und den Commodore Amiga für 1.795 Dollar gegenüber. Die Zusammenstellung war Werbung und kein neutraler Vergleich gleich ausgestatteter Rechner. Sie zeigt jedoch, in welcher Gesellschaft Atari den 520ST sehen wollte.

Auch in Großbritannien warb Atari Ende 1985 mit einem Paket aus Rechner, SF354-Diskettenlaufwerk und Monochrommonitor. Der Preis betrug 652 Pfund zuzüglich Mehrwertsteuer. Unter dem Slogan „The 520ST. Over-qualified and under-paid“ verwies die Anzeige neben GEM und MIDI auf Programmiersprachen, Textverarbeitung und ein Zeichenprogramm. Ob sämtliche angekündigten Programme zum Zeitpunkt der Anzeige bereits ausgeliefert wurden, geht daraus nicht hervor.

In Westdeutschland testete Happy Computer im Juni noch einen Prototyp. Für den 520ST mit Maus und Diskettenlaufwerk nannte die Redaktion einen angekündigten Preis von weniger als 2.800 DM; ein Monitor gehörte zu dieser Aufstellung nicht. Der Artikel bezeichnete den Rechner als „Bombenknüller“ und wegen seines Preis-Leistungs-Verhältnisses als „Volks-VAX“, enthielt jedoch noch mehrere Erwartungen, die beim Seriengerät nicht eintrafen.

Beim Verkaufsstart nannte Computer Kontakt einen Preis von 2.998 DM, erläuterte den dazugehörigen Paketumfang aber nicht vollständig. Ein direkter Vergleich mit dem amerikanischen Komplettsystem oder der britischen Anzeige ist deshalb nur eingeschränkt möglich. Für Besitzer eines C64, Atari 800XL oder Schneider CPC blieb der Wechsel trotz Ataris Niedrigpreisstrategie eine erhebliche Anschaffung.

Die ersten deutschen Käufer erhielten zunächst die sogenannte „Soft-Version“, bei der TOS von Diskette geladen wurde. Dem Lieferumfang lag nach dem Bericht von Computer Kontakt zunächst nur Dr. Logo bei. Von Personal BASIC existierten Vorabversionen, ein Termin für die Nachlieferung stand noch nicht fest. Händler kündigten außerdem GEM Paint und GEM Write an, doch auch diese Programme waren noch nicht verfügbar. In den USA berichtete COMPUTE! ebenfalls, dass der 520ST vorerst nur mit Logo ausgeliefert wurde.

Auch die ersten Testgeräte waren nicht immer frei von Problemen. Das von Creative Computing geprüfte Exemplar mit der Seriennummer 1080 startete TOS zunächst nicht; nach dem Öffnen des Rechners mussten Bausteine auf der Hauptplatine neu eingesetzt werden. Atari erklärte, dies betreffe nur die frühesten Produktionsgeräte. Die Redaktion kritisierte außerdem die noch umständliche Dateiverwaltung des GEM-Desktops und den Mangel an verfügbarer Software.

Creative Computing sah im 520ST einen großen Teil der grafischen Macintosh-Bedienung zu einem erheblich niedrigeren Preis. Happy Computer ordnete ihn wegen hoher Auflösung, Speicher und Schnittstellen sowohl für Heimanwender als auch für selbstständige und freiberufliche Nutzer ein.

Der 520ST trifft auf den Amiga 1000

Taken from the site: https://tech-vintage.fr/amiga-500-licone-creative-qui-a-defie-lindustrie/

Als Commodore den Amiga im Juli 1985 öffentlich vorstellte, hatte Atari bereits mit der Serienfertigung des 520ST begonnen. Beide Rechner verwendeten den Motorola 68000, eine Maus, eine grafische Benutzeroberfläche und 3½-Zoll-Disketten. Technisch gingen sie jedoch unterschiedliche Wege.

Der 520ST lief mit 8 MHz, der Amiga abhängig von der Fernsehnorm mit rund 7,1 MHz. Der höhere Takt konnte dem Atari bei Aufgaben helfen, die überwiegend der 68000 erledigte. Der Amiga verlagerte dagegen Grafik-, Speicher- und Audioarbeit auf seine Spezialbausteine.

In der für Spiele gebräuchlichen Auflösung blieb der ST auf 16 Farben aus einer Palette von 512 beschränkt, der Amiga zeigte 32 aus 4096. Hardware-Sprites, Blitter und Copper entlasteten den 68000 zusätzlich bei Animationen, Scrolling und grafischen Effekten.

Ataris SM124 bot dafür 640 × 400 Bildpunkte bei ungefähr 71,2 Hz ohne Zeilensprung. Schrift, Tabellen und Konstruktionszeichnungen erschienen ruhig und scharf. Der Amiga benötigte für 400 beziehungsweise 512 Bildzeilen auf normalen Monitoren Interlace, was bei feinen Schriften und kontrastreichen Flächen sichtbar flimmern konnte. Für Textverarbeitung, Programmierung, CAD und Desktop-Publishing war der monochrome ST-Modus daher besonders geeignet.

Beim Ton traf der dreistimmige Yamaha YM2149F des ST auf vier unabhängige 8-Bit-Samplekanäle des Amiga in Stereo. Sprache, Geräusche und Musik ließen sich dort ohne die beim ST nötigen Lautstärketricks wiedergeben. Atari hatte dafür MIDI In und Out serienmäßig eingebaut und benötigte zur Steuerung externer Instrumente kein zusätzliches Interface.

TOS führte gewöhnlich eine Hauptanwendung aus, während das Betriebssystem des Amiga präemptives Multitasking bot. Beim Einschalten waren zunächst beide frühen Systeme auf Disketten angewiesen: Der Amiga 1000 lud Kickstart und anschließend die Workbench, frühe 520ST luden TOS. Spätere 520ST starteten das Betriebssystem aus dem ROM.

In den USA kostete der 520ST mit 512 KiB RAM, Laufwerk, Maus, Systemsoftware und Monochrommonitor 799 Dollar. Commodore verlangte 1.295 Dollar für den Amiga 1000 mit 256 KiB und eingebautem Laufwerk; Monitor und Speichererweiterung wurden zusätzlich verkauft. Der Preisvergleich war wegen des Farbmonitors und der unterschiedlichen Ausstattung nicht vollständig gleichartig, der Abstand blieb jedoch erheblich.

1985 vermarkteten beide Hersteller ihre Rechner noch als vielseitige Personal Computer. Atari verband den niedrigeren Systempreis mit 512 KiB RAM, scharfem Monochrombetrieb und MIDI; Commodore bot die aufwendigere Grafik- und Audiotechnik sowie präemptives Multitasking. Ein breites Softwareangebot fehlte beiden zunächst, und die später vertraute Rollenverteilung hatte sich beim Marktstart noch nicht verfestigt.

Eine kurze Modellkarriere

Nur wenige Wochen nach dem westdeutschen Verkaufsstart des 520ST stellte Atari auf der Münchner Systems am 28. Oktober 1985 bereits zwei weitere Varianten vor. Der 520ST+ besaß ein Megabyte Arbeitsspeicher und wurde als Komplettsystem mit Monochrommonitor, Maus und SF354-Laufwerk weiterhin für 2.998 DM angeboten. Atari verdoppelte damit den Speicher, ohne den bisherigen Systempreis zu erhöhen.

Daneben erschien der 260ST als günstigeres Einstiegsmodell. Seine Bezeichnung erinnerte noch an die ursprünglich geplante Ausführung mit 256 KiB, doch der tatsächlich in Westdeutschland angebotene Rechner enthielt ebenfalls 512 KiB RAM. Technisch unterschied er sich nur geringfügig vom 520ST, wurde jedoch einzeln und ohne Monitor, Maus oder Laufwerk verkauft. Ab Dezember 1985 kostete er rund 1.300 DM.

Im Januar 1986 stellte Atari den 520STM vor. Das „M“ stand für den eingebauten HF-Modulator, über den sich ein Fernseher am Antenneneingang anschließen ließ. Netzteil und Diskettenlaufwerk blieben weiterhin externe Geräte. In den USA und Großbritannien kam der 520STM im Frühjahr 1986 auf den Markt, in Westdeutschland erst im Oktober.

Einen deutlicheren Umbau brachten die ebenfalls 1986 eingeführten Modelle 520STF und 1040STF. Das längere Gehäuse nahm nun sowohl das Netzteil als auch das Diskettenlaufwerk auf. Der 520STF wurde mit 512 KiB und zunächst einem einseitigen Laufwerk angeboten. Der 1040STF besaß ein Megabyte RAM sowie ein doppelseitiges Laufwerk. Maus, Monitor, Drucker, Festplatte und weitere Geräte blieben außen angeschlossen, auf dem Schreibtisch entfielen jedoch zwei separate Gehäuse und zusätzliche Netzteile.

Die grundlegende Technik änderte Atari dabei nicht. Motorola 68000, Grafikmodi, Yamaha-Sound, MIDI-Schnittstellen und TOS blieben mit dem ursprünglichen 520ST verwandt. Je nach Modell kamen mehr Speicher, ein HF-Modulator sowie ein eingebautes Laufwerk und internes Netzteil hinzu.

Die Produktion des ursprünglichen 520ST endete im April 1986. Bereits im Herbst 1985 hatte Atari den Speicher zum gleichen Systempreis verdoppelt; im folgenden Frühjahr integrierten 520STF und 1040STF Netzteil und Laufwerk. Der 520ST brachte die Plattform in den Handel, seine aus mehreren Einzelgeräten bestehende Konfiguration wurde aber rasch ersetzt.

 

Atari 130 ST (1985): Der nie erschienene Preisbrecher der ST-Reihe

Source: https://www.atari-computermuseum.de/520st.htm#gen1

Als Atari im Januar 1985 auf der Winter Consumer Electronics Show in Las Vegas seine neue ST-Reihe enthüllte, sorgte das Unternehmen für einen jener Messemomente, die sich tief in die Computergeschichte einbrannten. Während viele Besucher noch damit rechneten, dass der einstige VCS- und 8-Bit-Hersteller zunächst lediglich einen Nachfolger für seine XL/XE-Linie vorstellen würde, präsentierte Atari plötzlich einen vollständig grafischen 16-Bit-Computer mit Maussteuerung, Farbgrafik und integrierten MIDI-Schnittstellen. Im Mittelpunkt stand dabei nicht nur der spätere Serienstar 520 ST, sondern auch ein Modell, das nie den Weg in den Handel finden sollte: der Atari 130 ST. Heute wirkt er wie eine kuriose Fußnote, tatsächlich aber war dieser Prototyp der radikalste Ausdruck von Ataris ursprünglicher ST-Strategie – und ein Symbol für den erbitterten Wettlauf um die 16-Bit-Zukunft.

Um seine Bedeutung zu verstehen, muss man einige Monate zurückgehen. Im Sommer 1984 hatte Jack Tramiel Commodore nach einem Machtkampf verlassen und kurz darauf die Consumer-Sparte von Atari übernommen. Sein Ziel war klar: So schnell wie möglich einen bezahlbaren 16-Bit-Computer auf den Markt bringen, noch bevor Commodore selbst den Übergang in die nächste Generation schaffen konnte. Die Ironie der Geschichte bestand darin, dass Commodore kurz darauf Amiga Corporation übernahm – just jenes Unternehmen, an dem Atari zuvor selbst finanziell interessiert gewesen war. Was folgte, war eines der bemerkenswertesten Wettrennen der Heimcomputergeschichte: Tramiel musste binnen weniger Monate eine komplett neue Plattform aus dem Boden stampfen, während Commodore hinter verschlossenen Türen am späteren Amiga 1000 arbeitete.

Ganz unvorbereitet traf Atari die Konkurrenz jedoch nicht. Zwar zeigte Commodore auf der CES 1985 offiziell vor allem den Commodore 128, während der Amiga noch nicht öffentlich auf dem Messestand zu sehen war, doch in Branchenkreisen kursierten bereits Berichte über nichtöffentliche Demonstrationen der von Commodore übernommenen Amiga-/Lorraine-Hardware. Ausgewählte Händler und Partner erhielten hinter verschlossenen Türen Einblicke in jene Technologie, aus der wenige Monate später der Amiga 1000 hervorgehen sollte. Atari wirkte damit zwar öffentlich wie der sichtbare Vorreiter der 16-Bit-Generation – hinter den Kulissen wusste man jedoch, dass Commodore bereits an deutlich ambitionierterer Hardware arbeitete.

Unter dem internen Motto „Rock Bottom Price“ entstand die ST-Reihe in erstaunlicher Geschwindigkeit. Atari plante zunächst drei Modelle: den 130 ST, den 260 ST und den 520 ST, benannt nach ihrer jeweiligen Speicherklasse. Der 130 ST sollte dabei das absolute Einstiegsmodell werden – ein vollwertiger 16-Bit-Rechner für Käufer, die bislang nur 8-Bit-Preisklassen gewohnt waren. Bereits dieser Plan zeigt, wie aggressiv Atari kalkulierte: Der Konzern wollte nicht bloß einen leistungsfähigen Computer bauen, sondern den günstigsten denkbaren 16-Bit-Rechner mit grafischer Oberfläche.

Technisch war der 130 ST dabei keineswegs ein kastriertes Sparmodell. Im Kern entsprach er bereits weitgehend den späteren Serien-STs. Herzstück war ein Motorola 68000 mit 8 MHz, flankiert vom Yamaha YM2149F als Soundgenerator und der frühen ST-Grafiklogik mit Auflösungen von 320 × 200 Pixeln bei 16 Farben, 640 × 200 bei 4 Farben sowie 640 × 400 Pixeln im Monochrommodus. Auch die später legendären MIDI-Schnittstellen gehörten bereits zum festen Ausstattungspaket; zur Ansteuerung kam – wie in den Seriengeräten – ein Motorola 6850 ACIA zum Einsatz. Damit besaß selbst das kleinste geplante ST-Modell schon jene Merkmale, die die Plattform später in Musikstudios und semiprofessionellen Umgebungen populär machen sollten.

Seine Achillesferse war der Arbeitsspeicher. Die Modellbezeichnung „130“ stand für rund 128 KB RAM, und genau hier zeigte sich schnell die Kehrseite von Ataris Preisoffensive. Früheste ST-Prototypen luden Teile von TOS/GEM noch von Diskette, was bereits einen erheblichen Teil des verfügbaren Speichers verschlang. Doch selbst unabhängig davon erwies sich die Kapazität als schlicht zu knapp für einen GUI-basierten 16-Bit-Rechner. Anwendungen ließen sich nur stark eingeschränkt nutzen, und was auf dem Papier nach einem revolutionären Billig-ST aussah, wirkte in der Praxis schnell wie ein System an der Grenze seiner Nutzbarkeit. Atari erkannte das Problem rasch und strich den 130 ST bereits wenige Monate nach seiner öffentlichen Vorstellung wieder aus den Planungen.

Dass der Rechner nie erschien, schmälert seine historische Bedeutung jedoch kaum. Denn auf der CES 1985 erfüllte er bereits seinen Zweck: Atari wirkte plötzlich wie der technologische Vorreiter der Branche. Während Commodore auf derselben Messe primär den Commodore 128 und den später eingestellten Commodore LCD zeigte, präsentierte Atari der Öffentlichkeit bereits eine komplette 16-Bit-Plattform. Selbst wenn Brancheninsider wussten, dass Commodore mit dem Amiga etwas deutlich Ambitionierteres vorbereitete, gewann Atari kurzfristig den Kampf um die öffentliche Wahrnehmung.

Der 130 ST war damit nicht nur Hardwareprototyp, sondern auch ein strategisches Signal an Markt und Presse. Atari demonstrierte: Man war bereit für die 16-Bit-Ära, und man würde sie zu einem Preis betreten, den die Konkurrenz nur schwer unterbieten konnte. Selbst wenn das kleinste Modell letztlich nie erschien, zeigte es unmissverständlich, wie kompromisslos Tramiels Team kalkulierte.

Spuren des 130 ST blieben sogar in der Hardwareentwicklung erhalten. Auf frühen ST-Platinen finden sich noch Bezeichnungen wie „130/520ST“, was zeigt, wie eng die Entwicklungsphasen der Modelle miteinander verzahnt waren. Der 130 ST war keine isolierte Sackgasse, sondern ein echter Vorläufer der gesamten Serienplattform. In gewisser Weise lebte er in jedem späteren ST weiter – nur eben mit realistischerer Speicherausstattung.

Rückblickend war der Atari 130 ST kein gescheitertes Produkt, sondern ein Lehrstück über die Grenzen radikaler Preispolitik. Atari wollte einen vollwertigen grafischen 16-Bit-Computer zum Kampfpreis liefern und trieb dieses Konzept so weit, bis selbst die eigene Hardware an ihre Grenzen stieß. Dass man letztlich zurückruderte, war weniger Niederlage als pragmatische Einsicht.

Gerade deshalb bleibt der 130 ST einer der spannendsten nie erschienenen Atari-Rechner überhaupt: nicht weil er technisch revolutionär gewesen wäre, sondern weil er wie kaum ein anderes System zeigt, mit welcher Entschlossenheit Atari Mitte der 1980er versuchte, die Konkurrenz zu überholen. Der 130 ST war der erste sichtbare Vorbote einer Plattform, die wenige Monate später den Heimcomputermarkt nachhaltig prägen sollte – und zugleich der vielleicht deutlichste Beweis dafür, dass selbst Jack Tramiels berühmtes Motto „Business is War“ manchmal an den physikalischen Grenzen des Arbeitsspeichers scheiterte.

 

Amstrad / Schneider PC 1512

Amstrad PC 1512

Amstrad / Schneider PC 1512

Amstrad / Schneider PC 1512

Als Amstrad im September 1986 den PC1512 vorstellte, waren IBM-kompatible Rechner längst etabliert. Billig waren sie deshalb noch lange nicht. Amstrad packte Rechner, Monitor, Maus, Schnittstellen und ein ungewöhnlich umfangreiches Softwarepaket zusammen und setzte einen Preis an, der deutlich unter vielen etablierten PC-Angeboten lag.

Für das Einstiegsmodell mit Monochrommonitor kündigte Amstrad £399 zuzüglich Mehrwertsteuer an. Popular Computing Weekly führte wenige Wochen später die Version mit 512 KB RAM, einem 360-KB-Laufwerk und Monochrommonitor für £469 inklusive Mehrwertsteuer. Die beiden Angaben widersprechen sich also nicht: Amstrads öffentlichkeitswirksame £399 waren ein Nettopreis, während die Zeitschrift einen Endkundenpreis inklusive Steuer nannte.

Im deutschsprachigen Raum wurde der Rechner über die Schneider Computer Division als Schneider PC1512 vertrieben. Damit stand neben den CPCs und den Joyce-Schreibsystemen plötzlich auch ein IBM-kompatibler PC im Schneider-Programm.

8 MHz und 512 KB

Im PC1512 arbeitete ein Intel 8086-2, also die für 8 MHz spezifizierte Variante des 8086.. Die Grundausstattung umfasste 512 KB RAM, weitere 128 KB ließen sich direkt auf dem Mainboard ergänzen. Damit erreichte der Rechner die unter DOS damals üblichen maximalen 640 KB konventionellen Arbeitsspeichers. Ein Sockel für den mathematischen Coprozessor Intel 8087-2 war ebenfalls vorhanden.

Der 8086 konnte den Arbeitsspeicher über einen internen 16-Bit-Bus ansprechen. Bei den Erweiterungssteckplätzen blieb der PC1512 dagegen bei einer 8-Bit-Anbindung. Der Peripheriebus arbeitete mit 4 MHz und zusätzliche Wartezyklen konnten entsprechende Zugriffe weiter bremsen. Die 8 MHz des Prozessors erzählen deshalb nur einen Teil der Leistungsgeschichte: Speicherzugriffe konnten schnell sein, Zugriffe auf Erweiterungshardware und Ein-/Ausgabe deutlich langsamer.

Viele Funktionen, für die andere PCs Zusatzkarten benötigten, brachte der Amstrad bereits auf dem Mainboard mit. Dazu gehörten Grafik, Diskettencontroller, eine serielle RS-232C- und eine parallele Schnittstelle sowie eine batteriegepufferte Echtzeituhr. Drei Erweiterungsplätze blieben frei. Amstrads Konstruktion sah genügend Stromreserven vor, um beispielsweise eine Festplatte samt Controller zu versorgen.

Auch zeitgenössischen Testern fiel der kompakte Aufbau auf. Der britische Computerjournalist John Lettice testete den PC1512 wenige Wochen nach dessen Vorstellung für Popular Computing Weekly. Er beschrieb, wie Amstrad die bei älteren PCs noch über zahlreiche Bausteine und Karten verteilten Funktionen auf einer vergleichsweise kleinen Hauptplatine zusammengefasst hatte. Für einen Hersteller, der große Stückzahlen zu niedrigen Preisen verkaufen wollte, war das ein ziemlich vernünftiger Weg.

512 KB waren mit GEM schnell aufgebraucht

Beim Betriebssystem beließ es Amstrad nicht bei MS-DOS 3.2. Zum Lieferumfang gehörte außerdem Digital Researchs DOS Plus sowie GEM mit grafischem Desktop. Locomotive BASIC 2 kam ebenfalls mit. Der Käufer bekam damit mehrere Möglichkeiten, mit seinem neuen PC zu arbeiten, musste sich allerdings erst einmal mit deren Zusammenspiel auseinandersetzen.

Lettice fand gerade dieses Zusammenspiel 1986 wenig elegant. DOS Plus und GEM waren einzeln brauchbar, griffen seiner Erfahrung nach aber schlecht ineinander. Wer GEM verließ, konnte beispielsweise nicht einfach wieder zum Desktop zurückkehren, ohne Teile der Umgebung erneut zu laden.

Auch der Speicherverbrauch zeigte schnell, weshalb die Erweiterung auf 640 KB sinnvoll war. Popular Computing Weekly stellte fest, dass GEM zusammen mit Locomotive BASIC 2 mehr als 470 KB der vorhandenen 512 KB beanspruchen konnte. 512 KB waren für einen preiswerten PC 1986 eine ordentliche Ausstattung. Sobald die mitgelieferte grafische Umgebung ins Spiel kam, war von dieser Großzügigkeit allerdings nicht mehr viel übrig.

CGA mit 16 Farben

Die integrierte Grafik des PC1512 war zu CGA kompatibel. Entsprechende Programme konnten die bekannten Modi mit 320 × 200 Pixeln in vier Farben oder 640 × 200 Pixeln in zwei Farben verwenden. Amstrad ergänzte diese Fähigkeiten um einen eigenen hochauflösenden Grafikmodus mit 640 × 200 Pixeln und 16 gleichzeitig darstellbaren Farben.

Trotz der 16 gleichzeitig darstellbaren Farben entsprach dieser Modus nicht dem EGA-Standard. Amstrad hatte die CGA-kompatible Grafik vielmehr um einen eigenen hochauflösenden 640×200-Modus erweitert, der von Programmen ausdrücklich unterstützt werden musste.

Die zusätzliche Farbtiefe ließ sich unter anderem für GEM nutzen. Beim Monochrommonitor wurden die Farbsignale in unterschiedliche Helligkeitsstufen umgesetzt, sodass entsprechende Darstellungen als Graustufen erschienen. Farbe und Monochrom verwendeten dabei denselben Videoausgang des Rechners.

Der PC1512 erhielt damit keine EGA-Karte durch die Hintertür. Amstrads eigener Modus bot gegenüber CGA mehr Möglichkeiten, blieb aber eine Besonderheit dieses Systems. Beim späteren PC1640 sollte Amstrad die Grafik deutlich umfassender überarbeiten.

Maus links, Joystick an der Tastatur

Zu einem Rechner, der mit GEM ausgeliefert wurde, gehörte auch eine Maus. Amstrad lieferte eine Zweitastenmaus und setzte dafür einen eigenen Anschluss auf die linke Seite des Gehäuses. Der 9-polige Stecker sah zwar vertraut aus, seine Belegung war Amstrad-spezifisch. Amstrad warnte ausdrücklich davor, dort trotz passender Steckerform Hardware anderer Hersteller anzuschließen. Die mitgelieferten Betriebssysteme verwendeten eigene Amstrad-Treiber für die Maus.

Ungewöhnlicher war der Joystickanschluss auf der Rückseite der Tastatur. Dort konnte ein digitaler Joystick mit zwei Feuerknöpfen angeschlossen werden. Die Richtungen und Feuerknöpfe wurden als Tastaturcodes verarbeitet; die Firmware übersetzte die Richtungen auf die Cursortasten. Ein klassischer analoger IBM-PC-Joystick funktionierte dort nicht. Dafür benötigte der PC1512 eine entsprechende Erweiterungskarte.

Für Spiele war das eine eigenwillige, aber durchaus praktische Lösung. Software, die sich über die Cursortasten steuern ließ, konnte den Joystick verwenden, ohne einen analogen IBM-Gameport vorauszusetzen. Gleichzeitig war damit keineswegs garantiert, dass jedes PC-Spiel mit Joystick-Unterstützung auch den Anschluss des Amstrad akzeptierte.

Das Netzteil saß im Monitor

Beim PC1512 gehörte der Monitor stärker zum System als bei vielen anderen PCs. Das Netzteil saß im Monitor und versorgte die Rechnereinheit über einen 14-poligen Anschluss mit den benötigten Spannungen.

Diese Konstruktion hatte einen deutlichen Nachteil. Ein beliebiger PC-Monitor ließ sich nicht einfach als Ersatz verwenden, denn damit fehlte gleichzeitig die Stromversorgung des Rechners. Lettice kritisierte genau das bereits im September 1986. Wer zunächst den Monochrommonitor kaufte und später auf Amstrads Farbmonitor wechselte, hatte anschließend einen Monochrommonitor übrig, dessen Netzteil weiterhin Teil des alten Pakets war.

Das Konzept funktionierte problemlos, solange man innerhalb des Amstrad-Systems blieb. Beim späteren Umbau zeigte es seine Zähne.

Disketten, Festplatte und 640 KB

Der PC1512 war in mehreren Laufwerkskonfigurationen erhältlich. Angeboten wurden Systeme mit einem oder zwei 5,25-Zoll-Diskettenlaufwerken für jeweils 360 KB. Amstrad führte außerdem Varianten mit einem Diskettenlaufwerk und einer Festplatte von 10 oder 20 MB.

Die naheliegende erste Speicheraufrüstung waren die zusätzlichen 128 KB RAM. Gerade mit GEM und umfangreicherer DOS-Software konnten 640 KB einen spürbaren Unterschied machen. Ein 8087 lohnte sich dagegen nur für Programme, die den mathematischen Coprozessor tatsächlich nutzten; gewöhnliche Bürosoftware und Spiele wurden durch seinen Einbau nicht plötzlich schneller.

Eine Festplatte veränderte den täglichen Umgang mit dem Rechner erheblich stärker. Programme und Daten mussten dann nicht mehr ständig zwischen 360-KB-Disketten verteilt werden. Dafür war sie auch die deutlich kostspieligere Erweiterung.

Wie kompatibel war der PC1512?

Bei einem günstigen PC-Klon zählte 1986 vor allem die Softwarekompatibilität. Lotus 1-2-3, dBase oder Microsoft Flight Simulator mussten im Alltag tatsächlich laufen.

Lettice probierte für Popular Computing Weekly unter anderem Lotus 1-2-3, dBase, Microsoft Flight Simulator und Open Access aus. Diese Programme funktionierten. Innerhalb seiner Stichprobe stieß er nur auf wenige Probleme, womit sich der PC1512 bei der praktischen IBM-Kompatibilität ordentlich schlug.

Bei der Geschwindigkeit fiel das Ergebnis gemischter aus. Amstrad warb mit hoher Leistung, und Locomotive BASIC 2 lief im Test tatsächlich ausgesprochen schnell. Im normalen Betrieb schrumpfte der Vorsprung jedoch. Diskettenzugriffe und Bildschirmausgabe konnten den Rechner ausbremsen; Lettice sah den ebenfalls mit einem 8-MHz-8086 ausgestatteten Olivetti M24 je nach Aufgabe vor dem Amstrad.

Amstrad hatte also keinen heimlichen AT zum XT-Preis gebaut. Der PC1512 war ein schneller Vertreter der PC-/XT-Klasse mit einem 8086 und einer ungewöhnlich vollständigen Grundausstattung.

Ein PC als Komplettpaket

Im September 1987 wurde berichtet, dass zwischen der Markteinführung und Ende Juni 1987 rund 450.000 PC1512 verkauft worden waren. Selbst wenn man solche Hersteller- und Branchenzahlen mit der üblichen Vorsicht behandelt, zeigt die Größenordnung, dass der Rechner weit über eine Randerscheinung hinausgekommen war.

Ein Teil dieses Erfolgs lag im Paket, das der Käufer auf den Schreibtisch bekam. 512 KB RAM, Monitor, Maus, serielle und parallele Schnittstelle sowie mehrere Betriebssystem- und Softwareumgebungen gehörten bereits dazu. Drei Erweiterungsplätze ließen Platz für Festplatte, zusätzliche Schnittstellen oder andere PC-Hardware.

Dafür musste man mit einigen Amstrad-Eigenheiten leben. Der zusätzliche 16-Farben-Grafikmodus benötigte spezielle Unterstützung, die Maus verwendete einen proprietären Anschluss und der Monitor war gleichzeitig Netzteil. Der 8-Bit-Erweiterungsbus setzte außerdem Grenzen, die ein 8-MHz-Aufkleber auf der CPU nicht beseitigte.

Der PC1512 brachte 1986 trotzdem viel von dem mit, was ein Käufer von einem IBM-kompatiblen Rechner benötigte, ohne dass zunächst mehrere Zusatzkarten und Peripheriegeräte zusammengesucht werden mussten.

1987 folgte der PC1640. Der 8-MHz-8086 und große Teile des Grundkonzepts blieben erhalten. Ab Werk standen nun 640 KB RAM zur Verfügung, und bei der Grafik ging Amstrad erheblich weiter. Genau dort beginnt die Geschichte des Nachfolgers.

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