California Games (1987) – Epyx und das kalifornische Lebensgefühl auf Diskette

Wie stark ein Spiel auf die eigene Jugend eingewirkt hat, merkt man oft erst viele Jahre später – dann, wenn man längst glaubt, alles schon eingeordnet zu haben. Bei mir passiert das zuverlässig bei einer Wiederholung von Die nackte Kanone. In der legendären Szene, in der Dr. Albert Sacks nach seinem missglückten Anschlag auf die Queen von einer ganzen Kaskade an Fahrzeugen überrollt und schließlich von einer Marschkapelle niedergetrampelt wird, erklingt unaufhaltsam „Louie, Louie“. Und in genau diesem Moment bin ich nicht mehr im Film, sondern wieder vor dem Bildschirm: Halfpipe, BMX, Strand – California Games. Wer diese Melodie hört und nicht sofort dort landet, hat die Achtziger entweder verpasst oder sie auf der falschen Plattform erlebt.

Für viele Spieler meiner Generation kam noch eine zweite, ebenso prägende Erinnerung hinzu. California Games wurde auf dem Commodore 64 oft nicht als gekaufte Originaldiskette erlebt, sondern als weitergereichte Kopie – inklusive Cracker-Intro. Besonders präsent blieb dabei das Emblem von Eagle Soft Incorporated: ein Adler mit einer Diskette im Schnabel. Dieses Bild war kein Bestandteil des Spiels im eigentlichen Sinne, aber es gehörte für viele untrennbar dazu. Es war der inoffizielle Vorspann einer Zeit, in der Spiele nicht nur gespielt, sondern getauscht, gesammelt und weitergegeben wurden – und in der sich solche Intros fast ebenso tief ins Gedächtnis einbrannten wie die Spiele selbst.

California Games erschien 1987 in einer Phase, in der Epyx nach dem großen Erfolg von Summer Games und Winter Games längst zu den prägenden Namen der internationalen Spieleszene zählte. Die sogenannte „Games“-Reihe hatte Sportspiele neu definiert: weniger als nüchterne Simulationen, sondern als kurzweilige, kompetitive Mehrdisziplinentitel, die auf Zugänglichkeit und unmittelbaren Spielspaß setzten. California Games übertrug dieses bewährte Konzept erstmals nicht auf ein globales Sportereignis, sondern auf einen klar umrissenen kulturellen Raum – das kalifornische Lebensgefühl der 1980er-Jahre, geprägt von Sonne, Strand, Trendsportarten und jugendlicher Ungezwungenheit.

Bereits die Sprache des Handbuchs macht deutlich, wie bewusst Epyx dieses Lebensgefühl inszenierte. Begriffe wie „rad“, „aggro“ oder „tubular“ entstammen dem amerikanischen Jugend- und Surfer-Slang jener Zeit. „Rad“, abgeleitet von „radical“, bezeichnete etwas besonders Cooles oder Beeindruckendes und war vor allem im Skate- und BMX-Umfeld verbreitet. „Aggro“ ist eine Verkürzung von „aggressive“ und stand im sportlichen Kontext für einen entschlossenen, risikofreudigen Fahrstil, etwa bei waghalsigen Tricks in der Halfpipe. „Tubular“ stammt ursprünglich aus der Surfszene und bezeichnete ideal geformte Wellenröhren; im erweiterten Sprachgebrauch entwickelte sich der Begriff zu einem allgemeinen Ausdruck für etwas Außergewöhnliches oder Perfektes. Dass Epyx diese Begriffe konsequent einsetzte, war kein beiläufiger Stilgriff, sondern ein bewusster Versuch, das Spiel sprachlich ebenso fest in der kalifornischen Popkultur zu verankern wie grafisch oder spielmechanisch.

Dieses kulturelle Selbstverständnis setzte sich auch musikalisch fort. Die zentrale Melodie von California Games basiert auf dem Rock-’n’-Roll-Song „Louie, Louie“, geschrieben 1957 von Richard Berry. Berühmt wurde das Stück vor allem durch die Version der Kingsmen aus dem Jahr 1963, deren rohe, beinahe anarchische Darbietung dem Lied Kultstatus verlieh. Über Jahrzehnte hinweg entwickelte sich „Louie, Louie“ zu einem Symbol unkomplizierter, rebellischer Rockmusik. Für California Games war diese Melodie ideal: einfach, sofort wiedererkennbar und kulturell tief verankert, zugleich locker genug, um das unbeschwerte Sport- und Strandgefühl des Spiels zu transportieren.

Spielerisch setzte California Games auf sechs Disziplinen, die damals als typische Trendsportarten galten: Halfpipe-Skateboarding, Foot Bag, Surfing, Roller Skating, BMX Cycling und Flying Disc. Jede dieser Sportarten folgt einer eigenen Steuerungs- und Wertungslogik. Es existiert kein einheitliches Bedienkonzept, sondern ein Nebeneinander unterschiedlicher Spielmechaniken, was wesentlich zum Reiz, aber auch zur Ungleichheit der Umsetzungen beitrug.

Die ursprünglichen Fassungen für Apple II und Commodore 64 bildeten die konzeptionelle Grundlage. Vor allem die C64-Version etablierte sich früh als Referenz, da sie alle Disziplinen ausgewogen vereinte. Die Steuerung erwies sich als präzise, insbesondere beim Halfpipe-Skateboarding und BMX-Cycling, wo exaktes Timing entscheidend ist. Grafik und Animationen blieben klar strukturiert, der Mehrspielerfaktor wurde in zeitgenössischen Tests besonders hervorgehoben und machte California Games zu einem typischen Spiel für gemeinsame Runden.

Auf dem Amiga verlagerte sich der Schwerpunkt stärker in Richtung Präsentation. Die höhere Auflösung und erweiterte Farbpalette sorgten für weichere Animationen und ein insgesamt flüssigeres Erscheinungsbild. Gleichzeitig wurde die Steuerung von Teilen der Presse als etwas weniger direkt empfunden, was verdeutlicht, dass technische Überlegenheit nicht automatisch ein besseres Spielgefühl garantierte.

Die Umsetzungen für ZX Spectrum und Amstrad CPC mussten größere Abstriche hinnehmen. Beide Versionen blieben funktional, wirkten jedoch reduzierter und verloren einen Teil der Leichtigkeit, die die Kernfassungen auszeichnete. Sie gelten heute eher als zeittypische Pflichtumsetzungen denn als prägende Varianten des Spiels.

Eine besondere Stellung nimmt die Atari-2600-Version ein, die erst 1988 erschien. Hier war aufgrund der extremen Hardware-Beschränkungen keine klassische Portierung möglich, sondern nur eine weitgehende Neuinterpretation. Disziplinen wurden vereinfacht, Animationen stark abstrahiert, und das Spiel näherte sich eher einer symbolischen Darstellung der Sportarten an als einer direkten Umsetzung. Zeitgenössische Tests würdigten zwar den technischen Aufwand, ein derart komplexes Mehrdisziplinenspiel auf dem betagten VCS zu realisieren, machten aber keinen Hehl daraus, dass diese Fassung spielerisch und visuell deutlich hinter den Heimcomputer-Versionen zurückblieb. Besonders kritisch wurde dabei die Preisgestaltung gesehen: Inflationsbereinigt lag die VCS-Version mit etwa 65–70 Euro sogar über dem Niveau der technisch deutlich überlegenen C64-Fassungen.

Deutlich überzeugender fielen die Konsolenfassungen aus, allen voran die Umsetzung für das Sega Master System. Zeitgenössische Berichte beschrieben diese Versionen als gleichmäßiger im Bildlauf und insgesamt geschmeidiger im Spielgefühl, was weniger auf höhere spielerische Komplexität als auf stabilere Animationen und eine auf Gamepads zugeschnittene Steuerung zurückzuführen war. Gerade Disziplinen wie BMX Cycling oder Roller Skating profitierten davon, wodurch die Konsolenversionen vielfach als direkter und flotter wahrgenommen wurden als manche Heimcomputerfassungen.

Beim Marktstart des Atari Lynx im September 1989 wurde California Games als Bundle-Titel zusammen mit der neuen Hardware ausgeliefert. Die Wahl dieses Spiels war eng mit der Geschichte des Systems verknüpft, da der Lynx ursprünglich bei Epyx als Projekt „Handy“ entwickelt worden war. California Games eignete sich ideal, um die Stärken des neuen Handhelds zu demonstrieren: farbige Grafik, flüssige Animationen und kurze, zugängliche Disziplinen. Hinzu kam die Möglichkeit, über das ComLynx-Kabel bis zu vier Lynx-Konsolen miteinander zu verbinden, was das Spiel zu einem frühen Beispiel für mobiles Mehrspieler-Gaming machte.

Zeitgenössische Magazine bewerteten California Games überwiegend positiv, betonten jedoch nahezu durchgängig die erheblichen Unterschiede zwischen den Plattformen. In der britischen ZZap!64 (September 1987) erhielt die Commodore-64-Version eine Gesamtwertung von 97 Prozent, begleitet vom Fazit: „California Games is quite simply the apex of computer sports gaming at the present time. Recommending it is a formality.“ („California Games ist ganz schlicht der Gipfel des Computersportspiels zurzeit. Eine Empfehlung ist reine Formsache.“) Auch The Games Machine (Oktober 1987) vergab für die C64-Version 92 Prozent. In Deutschland zeichnete die ASM die C64-Fassung in Ausgabe 10/87 mit dem Prädikat ASM HIT aus. Die Atari-2600-Version wurde in der ASM 10/88 deutlich niedriger bewertet, während die Sega-Master-System-Fassung in der ASM 5/89 wieder klar positiv beurteilt wurde.

Preislich positionierte sich California Games bei Erscheinen als klarer Vollpreistitel. In Großbritannien kosteten Kassettenversionen 8,99 Pfund, Diskettenfassungen 14,99 Pfund, was inflationsbereinigt etwa 33–35 Euro beziehungsweise 55–58 Euro entspricht. In Deutschland lag der Preis der C64-Version bei 59 DM, inflationsbereinigt rund 55–60 Euro. Spätere Budget-Neuauflagen, etwa unter dem Label Kixx, sorgten dafür, dass das Spiel über Jahre hinweg präsent blieb.

Rückblickend steht California Games exemplarisch für eine Phase der Videospielgeschichte, in der Atmosphäre, Musik und unmittelbare Zugänglichkeit wichtiger waren als sportliche Präzision. Die Fähigkeit des Spiels, auf Heimcomputern, Konsolen und als Bundle-Titel eines neuen Handhelds zu funktionieren, erklärt seinen anhaltenden Ruf. California Games ist weniger ein präzises Sportspiel als ein kulturelles Zeitdokument – und genau darin liegt sein bleibender Reiz.

Verfügbar für:
Commodore 64, ZX Spectrum, MSX, Amstrad CPC, Apple II, Apple IIgs, Amiga, Atari ST, Atari 2600, Atari Lynx, Sega Master System, NES, Mega Drive/Genesis, DOS, Windows, Wii, J2ME, Antstream

Qix – 1981 by Taito

Qix – 1981 by Taito

qix coverQix. Allein schon der Name klingt wie ein Reizhusten mit Highscore: „K-K-K-Qix!“ Was nach einem obskuren Zauberspruch aus einem nicht lizenzierten „Harry Potter“-Spin-off klingt, war 1981 eines der unverständlichsten, aber auch fesselndsten Spiele, das je einen Arcade-Automaten unsicher machte. Entwickelt wurde der beinharte Zeitvertreib von Randy und Sandy Pfeiffer, einem amerikanischen Ehepaar, das offensichtlich sehr viel Spaß daran hatte, Spielern das finale Aggressionspotential zu entlocken. Die Grundidee war eigentlich simpel: ein kleines Viereck, ein paar Linien, ein paar Feinde und jede Menge Nervenzusammenbrüche. „Sort of like video-game Etch-a-Sketch“, sagte Sandy später. Auf Deutsch: „So eine Art Etch-a-Sketch als Nervensäge.“ Und wer nicht weiß, was ein Etch-a-Sketch ist: Das ist diese rote Plastiktafel mit den zwei Drehknöpfen, mit der man als Kind stundenlang versuchte, einen Kreis zu malen, und am Ende doch wieder nur ein zittriges Treppenhaus rausbekam. Also ein Zeichenbrett mit eingebautem Frustfaktor – quasi der Urvater aller unfreiwilligen Pixelkunst. Der Name „Qix“ übrigens entstand, weil Randy ein Autokennzeichen hatte, auf dem „JUS4QIX“ stand. Übersetzung? „Just for kicks“, also „nur zum Spaß“. Ironisch, denn das Spiel war für viele eher „just for heart attacks“.

Man spielt einen sogenannten Marker – klingt wie Büroartikel, ist aber ein blitzschnelles kleines Pixel, das sich an den Rändern eines Rechtecks bewegt. Ziel ist es, durch das Ziehen von Linien – genannt „Stix“ – das Spielfeld einzuteilen. Klingt wie eine Unterrichtsstunde bei meiner alten Mathelehrerin, ist aber um Längen spannender. Denn während man diese Linien zieht, tanzt ein wütender, unberechenbarer Blitzsturm namens „Qix“ durchs Feld, als hätte er einen Kaffee zu viel und keine Ahnung, was Schwerkraft ist. Zusätzlich nerven einen die „Sparx“ – kleine elektrische Biester, die die Ränder entlang kriechen und genau dann auftauchen, wenn man kurz durchatmen will. Steht man zu lange rum, kommt der Fuse – eine glühende Lunte, die einem die gerade gezogene Linie rückwärts abfackelt.

Gesteuert wird das Ganze mit einem Vier-Wege-Joystick, dazu zwei Tasten: eine für „schnell zeichnen“ (schnelle Stix) und eine für „langsam zeichnen“ (dafür aber doppelter Punktwert). Das Prinzip ist also klar: Wer mehr riskiert, wird belohnt – oder explodiert. Besonders schlaue Leute versuchten damals, das Spielfeld mit winzigen Quadraten systematisch abzubauen, Punkt für Punkt. Besonders dumme Leute (dieser Autor eingeschlossen) versuchten, den Qix einzukreisen. Spoiler: Man kann den Qix nicht einsperren. Der Qix ist wie ein wütender Staubsaugergeist – er lässt sich nicht fangen, aber er fängt dich.

Das Spiel wurde 1981 auf Taitos hauseigener M6809-Arcadehardware gebaut, mit sagenhaften 1,25 MHz Taktung. Aber was Randy Pfeiffer da rausholte, war beeindruckend: ein minimalistisches Design, aber mit maximalem Stresslevel. „Man bekam die Spieler nie dazu, ein Level zu beenden – sie hauten einfach ab.“ Sagte er später. Verständlich. Wer beim dritten Fuse durchdreht, rennt lieber zur Flippermaschine nebenan. Seine Frau Sandy fand das großartig. „Gerade das macht es spannend – elegant, aber unberechenbar.“.

Portierungen gab’s reichlich. Die Game Boy-Version war erstaunlich spielbar, trotz der Grafik in „fifty shades of grau“. Auf dem C64 lief es leidlich flüssig, auch wenn der Joystick manchmal eher ein Vorschlaghammer war. Die NES-Fassung hatte ein kleines Delay bei der Steuerung – in einem Spiel, das auf Millisekunden reagiert, etwa so hilfreich wie Gummistiefel beim Ballett. Immerhin: Die meisten Umsetzungen behielten das Zwei-Geschwindigkeits-System und das Punktesammeln bei. Allerdings ließ sich das nervenzerfetzende Gefühl, wenn der Qix plötzlich von links über die Leinwand bricht wie ein schlecht gelaunter Stromgeist, nur auf dem Automaten richtig spüren – inklusive Pulsrasen und Schweißhänden.

Qix war kommerziell erfolgreich, aber kein Blockbuster. Etwa 488 Automaten wurden gebaut, aber die Spieler, die hängen blieben, blieben wirklich hängen. Das Spiel hatte keine Musik, kaum Soundeffekte und sah aus wie ein Oszilloskop mit Grippe – aber es hatte dieses gewisse Etwas. „

Geplante Features? Es gab einige Ideen, die es nie ins Spiel schafften. Zwei Qix gleichzeitig, rotierende Sparx, Power-Ups, unterschiedliche Linienformen, Levelhintergründe – alles verworfen. Zu verwirrend, zu technisch, zu sehr 1983. Ein Zwei-Spieler-Modus wurde auch mal angedacht – aber schon bei der Vorstellung, dass zwei Spieler gleichzeitig mit zwei Fuses und zwei Qix hantieren, platzte den Testern das Gehirn. Letztlich blieb es beim Ein-Spieler-Konzept – und das war auch gut so.

Kritik? Klar, gab’s. „Zu abstrakt“, „zu schwer“, „zu wenig Explosionen“. Stimmt alles irgendwie. Aber Qix war auch nie gedacht als Kirmes-Feuerwerk. Es war ein stilles, tückisches Spiel. Einer der Entwickler sagte einmal: „Qix ist es egal, ob du gewinnst – es bewegt sich einfach.“ Ein bisschen wie das Leben. Nur ohne Continues.

Heute gilt Qix als Klassiker mit Kultstatus. Es inspirierte Spiele wie Volfied, Super Qix, Qix Adventure und jede Menge Trittbrettfahrer mit „-ix“-Endung. Auch Spiele wie Cubixx oder Fortix auf modernen Plattformen greifen das Territoriums-Einfärbeprinzip wieder auf. In Sammlerkreisen bringt ein originaler Automat zwischen 1.500 und 3.000 Dollar – je nachdem, wie oft jemand Cola über das Controlpanel gekippt hat. Der Preis damals: rund 2.000 US-Dollar, inflationsbereinigt heute etwa 6.500 Euro. Nicht billig für ein Spiel ohne Level, ohne Story, ohne Soundtrack – aber mit mehr Spannung als die etlichen Staffeln einer schlechten Netflix-Teeny-Drama-Serie, die meine Tochter häufig schaut.

Qix ist kein Spiel, das sich jedem sofort erschließt. Es ist wie ein Glas trockener Weißwein aus der Arcade-Ära: etwas sperrig, aber unglaublich elegant. Und wenn man sich einmal reingefuchst hat, will man nicht mehr raus. Oder kann es nicht, weil man in der Mitte vom Fuse erwischt wurde.