Lazy Jones (1984): Minispiele, Musik und ein später Stadionhit

Die Melodie kennen Millionen Menschen. Seit 1999 läuft sie in Clubs, Fußballstadien und Eishockeyarenen: das zentrale Motiv von Kernkraft 400 der deutschen Formation Zombie Nation. Seine Geschichte begann allerdings nicht auf einer Technoparty, sondern in einem virtuellen Hotel auf dem Commodore 64.

Dort drückte sich ein Angestellter namens Jones vor der Arbeit, öffnete Zimmertüren und vertrieb sich seine Zeit mit kleinen Computerspielen. Eines davon hieß Star Dust. Die dazugehörige Melodie dauerte nur wenige Sekunden – und überlebte am Ende das gesamte Spiel.

Ein Hotelangestellter auf der Flucht vor der Arbeit

Lazy Jones erschien im Herbst 1984 für den Commodore 64. Entwickelt wurde es von David Whittaker, der nicht nur die Musik komponierte, sondern auch Spielidee, Grafik und Programmierung übernahm. Veröffentlicht wurde das Spiel von Terminal Software zum Preis von 7,95 Pfund.

Jones arbeitet in einem Hotel, wobei „arbeitet“ bereits eine recht großzügige Beschreibung ist. Statt sich um seine Aufgaben zu kümmern, läuft er durch die drei Stockwerke des Hauses und sucht nach Möglichkeiten, sich die Zeit zu vertreiben. Hinter fast jeder Tür wartet ein anderes kleines Spiel.

Ganz unbehelligt bleibt Jones dabei nicht. Der Hotelmanager versucht, ihn bei seinem Rundgang zu erwischen. Zusätzlich treiben der Geist eines früheren Managers und ein offenbar herrenlos gewordener Reinigungswagen ihr Unwesen. Berührt Jones eines dieser Hindernisse, verliert er ein Leben.

Der Aufzug verbindet die Etagen und dient zugleich als kurze Verschnaufpause. Von hier aus plant der Spieler, welche Tür Jones als Nächstes öffnen soll. Eine vorgeschriebene Reihenfolge gibt es nicht. Das Hotel ist kein klassischer Spiellevel, sondern ein begehbares Auswahlmenü.

Hinter jeder Tür wartet eine andere Ablenkung

Das Hotel besitzt 18 Räume. Allerdings enthalten nicht alle davon ein vollständiges Minispiel. Zählt man die eigentlichen Spiele, kommt man auf 14. Hinzu kommt eine spielbare Szene an der Hotelbar. Schlafzimmer, Besenkammer und Toilette dienen dagegen eher als Scherz, Versteck oder kurze Unterbrechung.

Dass zeitgenössische Magazine trotzdem von „17 Spielen in einem“ oder von 15 Spielzimmern schrieben, liegt an unterschiedlichen Zählweisen. Manche rechneten die Barsequenz und einzelne Nebenräume mit, andere zählten nur die erkennbaren Minispiele.

Diese Spiele sind bewusst einfach gehalten. Meist genügt eine einzige Bewegungsidee: ausweichen, springen, auffangen, schießen oder im richtigen Moment die Richtung wechseln. Viele Räume erinnern deutlich an bekannte Automaten- und Computerspiele der frühen 1980er-Jahre.

In Eggie Chuck fängt Jones Gegenstände auf, die von oben herabfallen. Jay Walk schickt ihn über eine gefährliche Straße und erinnert unübersehbar an Frogger. In Res Q springt er über Hindernisse, während Wild Wafers das Prinzip von Centipede aufgreift. Andere Räume spielen mit Ideen aus Space Invaders, Breakout oder einfachen Rennspielen.

Whittaker kopierte diese Vorbilder nicht vollständig. Er reduzierte sie auf ihren jeweils auffälligsten Mechanismus. Dadurch dauert eine Partie oft nur wenige Sekunden. Danach steht Jones wieder im Hotelgang und sucht die nächste Tür.

Hat der Spieler alle Räume besucht, beginnt die Runde erneut. Die Abläufe werden schneller und die ohnehin kurzen Reaktionszeiten knapper. Aus einer gemütlichen Hoteltour wird so nach und nach eine überraschend hektische Angelegenheit.

Aus BASIC-Prototypen wird ein fertiges Spiel

Die ungewöhnliche Struktur entstand nicht am Reißbrett. Whittaker entwickelte die einzelnen Spiele zunächst als kleine Programme in BASIC. Erst wenn eine Idee funktionierte, übertrug er sie nahezu Zeile für Zeile in Maschinencode.

Dieses Vorgehen passt zu Lazy Jones. Das Spiel wirkt weniger wie ein geschlossen geplantes Großprojekt als wie eine Sammlung kleiner Experimente, die nachträglich in einem gemeinsamen Gebäude untergebracht wurden. Das Hotel verbindet Ideen, die für ein eigenständiges Spiel jeweils zu knapp gewesen wären.

Gerade darin liegt der Reiz. Der Spieler muss keine langen Regeln lernen und keine komplizierte Handlung verfolgen. Jede Tür stellt eine neue Aufgabe, und meist ist innerhalb weniger Sekunden klar, was zu tun ist.

Gleichzeitig verhindert der Rundgang durch das Hotel, dass die Sammlung wie ein bloßes Auswahlmenü wirkt. Jones, der Manager, der Geist und der Reinigungswagen geben den Minispielen einen Rahmen. Die Flucht vor der Arbeit wird zum verbindenden Witz: Jones erledigt praktisch alles – außer seinen Beruf.

Die Musik hält das Hotel zusammen

Noch wichtiger für den Zusammenhalt ist der Soundtrack. Whittaker gehörte später zu den produktivsten Komponisten der europäischen Computerspielszene. Auf MansionManiax begegnet uns seine Musik unter anderem bei Speedball und Epic wieder; für Xenon 2: Megablast setzte er zudem den gleichnamigen Titel von Bomb the Bass als Spielmusik um.

Für die Musik nutzte er zwei Stimmen des SID-Chips. Die dritte blieb für Geräusche reserviert. Statt langer Stücke schrieb er kurze, sofort erkennbare Motive, die zu den jeweiligen Räumen passten. Beim Wechsel zwischen den Spielen gingen diese Melodien erstaunlich sauber ineinander über.

Einige Stücke enthalten Anspielungen auf damalige Popmusik. Schon Namen wie The Reflex oder The Wall zeigen, dass Whittaker keine Berührungsängste mit der Hitparade hatte. Auch Motive, die an 99 Luftballons von Nena oder Fade to Grey von Visage erinnern, lassen sich heraushören.

Dadurch erhält jeder Raum eine eigene kleine Identität. Die Grafik bleibt einfach und die Spielmechanik oft rudimentär, doch die Musik vermittelt sofort, dass eine neue Szene begonnen hat. Sie macht aus der Sammlung kein vollständig einheitliches Spiel, gibt ihr aber einen gemeinsamen Rhythmus.

Ausgerechnet einer dieser kurzen Titel sollte ein wesentlich längeres Leben führen als alle anderen.

Auf dem ZX Spectrum verstummte das Hotel

Noch 1984 erschien eine Umsetzung für den ZX Spectrum. Sie wurde nicht von Whittaker selbst, sondern von Simon Cobb programmiert.

Die Grundidee blieb erhalten, technisch musste Cobb jedoch deutliche Abstriche machen. Die Farbdarstellung des Spectrum führte bei bewegten Figuren schnell zum bekannten Attribute Clash. Deshalb wirken viele Räume flächiger und farblich schlichter als auf dem C64. Auch Bewegungen, Übergänge und Kollisionen wurden verändert.

Am stärksten fiel der Unterschied beim Ton aus: Die Spectrum-Fassung besitzt keine Musik. Übrig blieben einfache Geräusche des internen Lautsprechers. Damit fehlte genau das Element, das die einzelnen Räume auf dem C64 miteinander verbunden hatte.

Entsprechend unterschiedlich fielen die Reaktionen aus. Commodore Horizons bezeichnete Lazy Jones im November 1984 als die bis dahin beste Veröffentlichung von Terminal Software und lobte besonders Musik, Animation und Gegenwert. TV Gamer bewertete die Spielbarkeit einen Monat später mit viereinhalb von fünf Punkten.

Die Spectrum-Version überzeugte weniger. Sinclair User beschrieb die Minispiele im April 1985 als schwache Varianten älterer Automatenspiele und vergab lediglich vier von zehn Punkten. Ohne den SID-Soundtrack trat deutlicher hervor, wie schlicht viele der einzelnen Spielideen tatsächlich waren.

1985 folgten Umsetzungen für MSX und den Tatung Einstein. Sie orientierten sich wieder stärker am C64-Original und übernahmen auch musikalische Elemente. Den größten Nachhall erzeugte jedoch weiterhin jene erste Fassung.

Fünf Sekunden für 8.000 Mark

In einem der Hotelzimmer wartet Star Dust, ein einfaches Weltraumspiel. Während der kurzen Szene erklingt eine kleine Melodie, die 1984 kaum jemand außerhalb der C64-Szene wahrgenommen haben dürfte.

15 Jahre später tauchte dieses Motiv erneut auf. Der Münchner Musiker Florian Senfter, bekannt als Zombie Nation, verwendete es für Kernkraft 400. Der Titel erschien 1999 und entwickelte sich zu einem internationalen Clubhit. Später wurde er vor allem bei Sportveranstaltungen zu einer der bekanntesten elektronischen Melodien überhaupt.

Whittaker berichtete in einem Interview, dass zunächst keine Erlaubnis für die Übernahme vorlag. Er nahm Kontakt mit Senfter auf, verzichtete aber auf eine Klage. Stattdessen einigten sie sich auf eine Zahlung von 8.000 D-Mark.

Whittakers trockener Kommentar dazu: Die Summe sei höher gewesen als das, was er ursprünglich für das gesamte Spiel erhalten hatte.

Damit erfüllte Lazy Jones seine eigene Grundidee noch einmal auf unerwartete Weise. Ein Spiel über einen Mann, der möglichst wenig arbeitet, erzeugte mit wenigen Sekunden Musik einen Wert, den das komplette Programm bei seiner Entstehung nicht erreicht hatte.

Vier Noten und eine mögliche ältere Spur

Ganz am Anfang der Melodiegeschichte muss Star Dust möglicherweise trotzdem nicht stehen. Das Stück weist eine gewisse Ähnlichkeit mit It Happened Then der niederländischen Gruppe Electronic Ensemble auf. Der Titel erschien bereits 1980 und wurde von Peter Baker komponiert.

Die Übereinstimmung ist nicht so deutlich, dass sie beim ersten Hören zwangsläufig auffällt. Vor allem im Refrain lassen sich jedoch eine verwandte Tonfolge und ähnliche Bassoktaven erkennen. Ein Beleg dafür, dass Whittaker das ältere Stück kannte oder bewusst übernahm, existiert nicht.

Auch Baker sah keinen Anlass für einen Plagiatsvorwurf. Sinngemäß verwies er darauf, dass es sich lediglich um vier Noten und Bassoktaven handele. Mehr lässt sich aus der Ähnlichkeit nicht seriös ableiten.

Als kleine Fußnote passt sie dennoch zur Geschichte. Eine kurze musikalische Figur taucht 1980 in einem Synthesizerstück auf, erklingt 1984 in einem C64-Minispiel und wird 1999 zum Kern eines Welthits. Ob direkte Übernahme, unbewusste Erinnerung oder bloßer Zufall: Aus wenigen Tönen entstand eine erstaunlich lange Spur.

Jones blieb im Hotel, die Melodie nicht

Wer Lazy Jones heute startet, begegnet einem Spiel, das seine Herkunft kaum verbergen kann. Die Figuren sind schlicht, viele Minispiele nach wenigen Sekunden verstanden und manche Anspielungen inzwischen älter als ein guter Teil ihres Publikums. Trotzdem besitzt der Rundgang durch das Hotel noch immer einen eigenen Rhythmus. Eine Tür geht auf, eine neue Melodie setzt ein, Jones übersteht die nächste Ablenkung und eilt weiter, bevor Manager, Geist oder Reinigungswagen seine ausgesprochen arbeitnehmerfreundliche Nachtschicht beenden.

Die meisten dieser Zimmer blieben dort, wo Whittaker sie 1984 untergebracht hatte. Star Dust gelang dagegen der Ausbruch. Aus einer kurzen Begleitmelodie für ein unscheinbares Weltraumspiel wurde 15 Jahre später der Kern eines Clubhits und schließlich ein fester Bestandteil zahlloser Sportveranstaltungen.

Jones selbst hat das Hotel nie verlassen. Seine Melodie hört man dagegen bis heute – meist dort, wo kaum jemand ahnt, dass sie einmal die Arbeitsvermeidung eines C64-Hotelangestellten begleitet hat.