Apple II europlus: Der Apple II Plus für Europas Fernsehnormen

Ein anderer Netzstecker war Apples kleinstes Problem. Als der Apple II Ende der 1970er-Jahre nach Europa kam, traf ein ausgesprochen amerikanischer Computer auf andere Netzspannungen, Kassettenrekorder und Fernsehnormen. Steve Wozniaks sparsame Videoschaltung, die in den USA ohne eigenen Grafikchip mehrere Farben erzeugte, ließ sich nicht einfach von NTSC auf PAL umstellen.

Apple europäisierte den Rechner deshalb in zwei Schritten. Zunächst erschienen modifizierte Apple-II-Systeme, die in den technischen Unterlagen als Euromod bezeichnet wurden. Danach folgte der Apple II europlus als internationale Ausführung des Apple II Plus. Beide Modelle zeigen, wie eng die Farbdarstellung des Apple II mit der amerikanischen Fernsehtechnik verbunden war.

Wozniaks Farbe war ein amerikanischer Trick

Der amerikanische Apple II besaß keinen eigenen Grafikchip. Wozniak nutzte stattdessen eine Eigenart der NTSC-Fernsehnorm: Bestimmte Abfolgen heller und dunkler Bildpunkte wurden von einem Farbempfänger als unterschiedliche Farben interpretiert. Dieses Verfahren wird heute meist als Artefaktfarbe bezeichnet.

Pixelmuster, Bildtakt und NTSC-Farbträger mussten dafür genau aufeinander abgestimmt sein. Aus dem Hauptoszillator gewann der Apple II unter anderem die rund 3,58 MHz starke Farbreferenz und den ungefähr 1 MHz schnellen Prozessortakt. Die Videoschaltung war damit eng mit der gesamten Takterzeugung des Computers verbunden.

In den USA sparte diese Konstruktion zahlreiche Bauteile. In Europa wurde sie zum Hindernis: PAL arbeitete mit einem anderen Bild- und Farbverfahren, sodass ein amerikanischer Apple II an einem gewöhnlichen europäischen Farbfernseher kein korrektes Farbbild erzeugte.

Der Apple II Euromod als Zwischenlösung

Apples erste europäische Ausführung war noch kein eigenständiges Modell. Beim Euromod handelte es sich um einen veränderten Apple II, der auf Gehäuse und Typenschild weiterhin lediglich als Apple II erscheinen konnte. Die Bezeichnung Euromod findet sich vor allem in den begleitenden Unterlagen und in der späteren Sammlersprache.

Apple-II-Platinen ab Revision 1 besaßen vorbereitete Lötstellen, mit denen die vertikale Bildfrequenz auf 50 Hz umgestellt werden konnte. Bei der frühen Revision 0 fehlten diese Möglichkeiten. Für den Umbau mussten Verbindungen auf der Platine geändert und ein anderer Hauptquarz eingesetzt werden. Apple warnte im Referenzhandbuch ausdrücklich, dass ein nachträglicher Eingriff die Garantie erlöschen lasse und nichts für Anfänger sei.

Eine erhaltene Eurapple-Anleitung nennt weitere Änderungen. Am Steckplatz 7 führten zwei zuvor unbenutzte Kontakte nun ein horizontales Synchronisationssignal und eine ungefähr 3,58 MHz starke Farbreferenz. Beide Signale waren für eine zusätzliche PAL- oder SECAM-Farbkarte vorgesehen.

Bei der in diesem Dokument beschriebenen Euromod-Ausführung war die rückwärtige Cinchbuchse nicht angeschlossen. Das Composite-Signal musste an einem Hilfsanschluss oder einem zusätzlichen Kontakt auf der Hauptplatine abgegriffen werden. Ohne Farbkarte erschien es auf einem PAL-Empfänger schwarzweiß; für SECAM-Geräte erwähnte Apple einen beim Händler erhältlichen Inverter.

Auch der Kassetteneingang wurde verändert. Weil europäische Kassettenrekorder laut Apple niedrigere Signalpegel lieferten, ersetzte man den Widerstand R15 mit 220 Kiloohm durch ein Exemplar mit 2,2 Megaohm. Beim Netzteil war die Anpassung noch unvollständig: Für ein 110-Volt-Gerät verlangte die Anleitung an einem 220-Volt-Netz einen externen Abwärtstransformator.

Vom Euromod zum Apple II europlus

1979 erschien in den USA der Apple II Plus. Äußerlich blieb er dem Vorgänger ähnlich, erhielt aber eine verbesserte ROM-Ausstattung. Applesoft II BASIC ersetzte das Integer BASIC des ursprünglichen Apple II. Der Autostart-Monitor suchte beim Einschalten selbstständig nach einem Diskettencontroller und versuchte, von Diskette zu starten.

Für die europäischen Märkte entstand daraus der Apple II europlus, auf dem Gehäuse als „Apple ][ europlus“ bezeichnet. Apples Referenzhandbuch beschreibt ihn im Kern als Apple II Plus mit einer Hauptplatine ab Revision 1, Autostart-Monitor und Applesoft II BASIC. Die europäischen Ausführungen erhielten außerdem ein für 110 und 220 Volt vorgesehenes Netzteil sowie die Anpassung an 50-Hz-Bildsysteme.

Der Europlus war damit ein reguläres internationales Serienmodell und keine nachträglich veränderte US-Ausführung. Eine vollständige PAL-Farbdarstellung gehörte dennoch nicht zur Grundausstattung.

Merkmal Apple II Euromod Apple II europlus
Grundlage ursprünglicher Apple II Apple II Plus
BASIC im ROM gewöhnlich Integer BASIC Applesoft II BASIC
Automatischer Diskettenstart bei frühen Geräten nicht vorhanden Autostart-Monitor
Bildanpassung modifizierte 50-Hz-Ausführung serienmäßige 50-Hz-Ausführung
PAL-/SECAM-Farbe zusätzlicher Encoder zusätzlicher Encoder
Stromversorgung teilweise externer Transformator nötig europäische 110/220-Volt-Ausführung
Kennzeichnung häufig weiterhin Apple II Apple ][ europlus

50 Hz waren noch keine PAL-Farbe

Der Europlus wird häufig als PAL-Version des Apple II Plus bezeichnet. Das ist nur teilweise richtig. Er war an die europäischen 50-Hz-Bildsysteme angepasst, erzeugte aber nicht automatisch das normgerechte PAL-Farbsignal eines gewöhnlichen europäischen Farbfernsehers.

Ohne zusätzlichen Encoder erschien das Bild an üblichen PAL-Geräten daher monochrom. Für Programmierung, Textverarbeitung und geschäftliche Anwendungen war das kein großer Nachteil. Spiele und Grafikprogramme verloren dagegen einen wichtigen Teil ihrer Darstellung, weil ihre Gestaltung häufig auf den Artefaktfarben des amerikanischen Apple II beruhte.

Für eine normgerechte Farbausgabe war ein Eurocolor-Encoder vorgesehen. Die Karte wurde in Steckplatz 7 eingesetzt und mit dem Hilfsvideoausgang verbunden. Von der Hauptplatine erhielt sie das Synchronisationssignal und die Farbreferenz, aus denen sie ein PAL- oder SECAM-kompatibles Farbsignal erzeugte.

Ganz ausgeschlossen war Farbe ohne diese Karte nicht. Apples Referenzhandbuch erwähnt geeignete europäische Farb-Videomonitore und weist darauf hin, dass die Farben der hochauflösenden Grafik bei umgerüsteten Geräten abweichen konnten. Einige spezialisierte Monitore kamen offenbar mit Signalen zurecht, die ein normaler PAL-Fernseher nur schwarzweiß darstellte. Eine zuverlässig kompatible PAL- oder SECAM-Ausgabe verlangte jedoch den zusätzlichen Encoder.

Ein HF-Modulator erfüllte eine andere Aufgabe. Er setzte ein vorhandenes Videosignal auf einen Fernsehkanal um, damit es über den Antennenanschluss eingespeist werden konnte. Wer einen Monitor mit Composite-Eingang verwendete, benötigte ihn nicht. Ein HF-Modulator allein verwandelte das Signal außerdem nicht in PAL-Farbe; er änderte den Anschlussweg, nicht die Farbcodierung.

Im Kern blieb es ein Apple II Plus

Der MOS Technology 6502 des Europlus arbeitete mit ungefähr 1 MHz. Je nach Ausstattung besaß der Rechner 16, 32 oder 48 Kilobyte RAM. Mit der Language Card ließ sich der Speicher auf 64 Kilobyte erweitern.

Die acht internen Steckplätze – Slot 0 sowie die Slots 1 bis 7 – blieben die große Stärke des Systems. Über sie konnten Besitzer Diskettencontroller, Drucker- und Modemschnittstellen, Speichererweiterungen, Z80-Karten für CP/M und den europäischen Farbencoder nachrüsten. Der Europlus war kein geschlossenes Haushaltsgerät, sondern eine vielseitig erweiterbare Computerplattform.

Besonders wichtig war das Disk-II-Laufwerk. Der Autostart-Monitor suchte beim Einschalten nach einem Controller und startete ein eingelegtes System automatisch. Gegenüber frühen Apple-II-Geräten, bei denen der Anwender den Start noch von Hand auslösen musste, war das eine spürbare Erleichterung.

Alte Bauteile, gute Reparaturchancen

Ein Restaurationsvideo des Kanals Mr Lurch’s Things zeigt, wie gut sich ein Europlus noch Jahrzehnte später instand setzen lässt. Beim Aufbau eines Geräts treten mehrere typische Altersprobleme auf: Ein RIFA-Entstörkondensator im Netzteil ist geplatzt, ein D8-ROM defekt, die Tastenschalter sind korrodiert und ein Logikbaustein auf der Tastatursteuerung arbeitet nicht mehr korrekt.

Später beschädigt ein versehentlich falsch eingesetzter Baustein die Takterzeugung. Mit Ersatzteilen von einer Spenderplatine und dem Diagnoseprogramm Apple-Cillin lässt sich der Rechner dennoch wiederbeleben. Das Video ist keine Quelle für die Entstehungsgeschichte des Europlus, zeigt aber den praktischen Vorteil seiner offenen Konstruktion. ROMs, RAM und zahlreiche Logikbausteine lassen sich einzeln prüfen und austauschen. Ein Defekt bedeutet deshalb nicht automatisch das Ende des Rechners.

Ein amerikanischer Computer für Europa

Der Apple II europlus war mehr als ein Apple II Plus mit europäischem Netzkabel, aber keine neue Computergeneration. Apple passte eine vorhandene Architektur an einen Markt an, dessen technische Normen bei der ursprünglichen Entwicklung keine Rolle gespielt hatten.

Der Euromod zeigt, wie umfangreich diese Arbeiten waren. Bildfrequenz, Farbcodierung, Videoanschluss, Kassettenpegel und Netzspannung verlangten jeweils eigene Änderungen. Der Europlus fasste sie zu einem regulären internationalen Modell zusammen.

Bei der Farbdarstellung verlor Wozniaks ursprüngliche Lösung allerdings ihre bestechende Einfachheit. Für normgerechte PAL- oder SECAM-Farbe musste Apple genau jene zusätzliche Hardware einsetzen, die beim amerikanischen Apple II eingespart worden war. Die offene Architektur machte diese Anpassung möglich – beseitigen konnte sie die Grenzen des amerikanischen Ausgangsentwurfs nicht.