Acorn Archimedes A540 – Das professionelle Spitzenmodell

Als Acorn den Archimedes A540 im Sommer 1990 bewarb, rückte die Firma den Arbeitsplatz nach vorn. Nicht der Klassenraum war das Bild, sondern CAD/CAM, Desktop-Publishing, medizinische Bildanalyse, X-Ray-Astronomie, Multimedia-Training, TCP/IP und UNIX-Anbindung. Der Prospekt trug entsprechend selbstbewusst die Überschrift „High Performance Computer Systems“. Der A540 war der Archimedes, mit dem Acorn zeigen wollte, dass ARM und RISC OS nicht nur elegant, sondern auch professionell nutzbar waren.

Acorn Computers aus Cambridge war 1978 von Hermann Hauser und Chris Curry gegründet worden und hatte sich mit dem BBC Micro tief in britische Schulen, Universitäten und Entwicklerzimmer eingeschrieben. Der Archimedes war ab 1987 der radikale nächste Schritt: eigener RISC-Prozessor, eigenes Betriebssystem, eigene Bedienlogik. 1990 setzte Acorn mit dem A540 das Spitzenmodell auf diese Linie. Die in der Chris-Whytehead-Collection beim Centre for Computing History gespiegelte Seite Chris’s Acorns beschreibt den A540 als Flaggschiff der Archimedes-Reihe; genannt werden dort 4 MB RAM, Ausbau bis 16 MB, SCSI als Standard, eine 100-MB-Festplatte, RISC OS 2.01 und ein ARM3-Prozessor.

Der Abstand zu den kleineren Modellen war nicht nur eine Frage des Typenschilds. A410/1, A420/1 und A440/1 arbeiteten noch mit ARM2; der A540 bekam den ARM3. Dazu kamen 4 MB RAM ab Werk, Erweiterungen auf 8, 12 oder 16 MB, eine interne 100-MB-SCSI-Festplatte und SCSI als Serienausstattung statt als Nachrüstung. In Acorns eigener Tabelle fällt der A540 genau an diesen Stellen heraus: Bei den kleineren Archimedes-Modellen endet der RAM-Ausbau deutlich früher, beim A540 beginnt die Grundausstattung bereits dort, wo viele andere Anwender erst aufrüsteten.

Der ARM3 brachte einen internen 4-KB-Cache mit. Das klingt aus heutiger Sicht klein, war aber im Archimedes-System ein echter Vorteil. Acorn erklärte den Leistungssprung selbst damit, dass der Prozessor seltener Befehle und Daten aus dem Hauptspeicher holen musste. Der Cache entlastete also genau die Stelle, an der frühe Archimedes-Systeme empfindlich waren: den gemeinsamen Speicherzugriff von CPU, Grafik und Sound. Acorn formulierte im Prospekt entsprechend selbstbewusst, der A540 hole aus RISC OS und dem ARM3 deutlich mehr heraus als die kleineren Modelle der Reihe.

Solche Vergleiche wurden damals gern mit MIPS-Zahlen unterfüttert, also mit der groben Angabe, wie viele Millionen Instruktionen ein Prozessor pro Sekunde ausführen kann. Auf dem Papier sah der ARM3 dabei beeindruckend aus: vergleichsweise niedriger Takt, hoher Durchsatz. Trotzdem sollte man MIPS-Werte nicht wie eine Bundesligatabelle lesen. Ein ARM-Befehl, ein 68030-Befehl und ein x86-Befehl leisten nicht automatisch dasselbe, und Benchmarks hängen stark davon ab, welche Aufgabe gerade gemessen wird. Als grobe Orientierung erklären die Zahlen aber, warum ein Archimedes schon bei niedriger Taktfrequenz so direkt wirken konnte. Der A540 legte mit ARM3 und Cache noch einmal spürbar nach – besonders auf dem RISC-OS-Desktop, beim Fensteraufbau, beim Wechsel zwischen Anwendungen und bei speicherhungrigen Programmen.

Dazu kam Acorns eigenes Chipsatz-Konzept. MEMC, VIDC und IOC waren keine beliebigen Begleitbausteine, sondern Teil eines abgestimmten Systems: Der MEMC verband ARM-Prozessor, Speicher, VIDC und I/O-Bausteine, während der VIDC Video- und Soundausgabe bereitstellte und seine Daten aus dem RAM in interne Puffer las. Der A540 war also kein PC mit separater VGA-Karte, sondern ein eng verzahntes System aus ARM-CPU, Speichercontroller und Video-/Soundchip. Das hatte Grenzen, weil der Hauptspeicher eine geteilte Ressource blieb. Aber der ARM3-Cache entschärfte diesen Engpass: Je öfter die CPU aus dem Cache arbeiten konnte, desto weniger musste sie auf den Speicherbus zugreifen.

Auch bei der Grafik zielte Acorn klar auf Arbeit statt auf Spieleffekt. Der Prospekt nennt RGB- und Multiscan-Modi, VGA mit 640 × 480 Bildpunkten in 16 oder 256 Farben, SVGA mit 800 × 600 Bildpunkten in 16 Farben sowie hochauflösenden Monochrombetrieb mit 1152 × 900 Bildpunkten. Für DTP, CAD und technische Anwendungen war das eine brauchbare Ansage: Ein stabiler, scharfer Desktop zählte hier mehr als möglichst bunte Spielemodi.

Die Erweiterbarkeit passte zu dieser Rolle. Acorn listete I/O-Karten für Steuer- und Messaufgaben, ROM-Erweiterungen, MIDI, Genlock, Frame Stores, Echtzeit-Farbdigitalisierung, IEEE-488, STE-Bus, Ethernet und Econet. Sogar Direct Laser Printer Cards stehen im Prospekt, ausdrücklich mit hoher Druckqualität und Geschwindigkeit für DTP. Das klingt heute etwas exotisch, war aber kein Versehen: Acorn wollte den A540 in Arbeitsumgebungen sehen, in denen Druck, Bild, Netzwerk und Spezialhardware nicht nachträglich improvisiert wurden, sondern Teil des Systems waren.

Gleichzeitig blieb der A540 ein teures Gerät. Chris Whytehead nennt für 1990 einen Preis von 2.495 Pfund plus Mehrwertsteuer, ohne Monitor. Die britische Standard-VAT lag 1990/91 bei 15 Prozent; damit kam der Rechner inklusive Steuer auf rund 2.869 Pfund, weiterhin ohne Bildschirm. Nach der Bank-of-England-Inflationsrechnung entspricht ein Preis von 1990 bis Mai 2026 ungefähr dem Faktor 2,54. Daraus werden grob 6.350 Pfund ohne VAT beziehungsweise etwa 7.300 Pfund inklusive damaliger VAT. Zum aktuellen EZB-Referenzkurs von rund 1 Pfund = 1,17 Euro sind das ungefähr 7.400 Euro beziehungsweise 8.500 Euro. Das war kein „mal sehen, ob ich mir den gönne“-Computer, sondern eine Anschaffung für Labore, technische Büros, Bildungseinrichtungen oder sehr entschlossene Acorn-Anwender.

Im direkten Umfeld musste sich der A540 gegen sehr unterschiedliche Gegner behaupten. Ein Amiga 3000 bot 1990 einen Motorola 68030, SCSI, AmigaOS 2.0 und die bekannte Stärke der Commodore-Custom-Chips. Ein 386- oder früher 486-PC punktete weniger mit Eleganz, dafür mit wachsender Softwaremasse, Klonmarkt und dem sicheren Gefühl, auf den kommenden Standard zu setzen. Der Macintosh IIci blieb im professionellen Umfeld ebenfalls präsent, mit 25-MHz-68030, NuBus-Erweiterung und dem vertrauten Macintosh-Ökosystem. Der A540 saß zwischen diesen Welten: schneller und eleganter als viele DOS/Windows-Kombinationen, professioneller positioniert als die kleineren Archimedes-Modelle, aber ohne das weltweite Ökosystem der PC-Welt.

Ein kurzer Blick auf den Acorn R260 zeigt, wie professionell Acorn diese Hardware einordnete. Der R260 war eine eng verwandte Workstation-Variante auf A540-Basis, jedoch mit vorinstalliertem RISCiX, Acorns UNIX-System. Für den A540 blieb RISC OS der Normalfall – aber die Verwandtschaft zeigt, dass Acorn diese Maschine nicht als gehobenen Heimcomputer, sondern als ernsthaften Arbeitsplatzrechner verstand. Dieser Punkt bietet sich später gut für einen eigenen R260-Artikel an.

Belastbare Einzelstückzahlen für den A540 sind schwer zu finden. Whytehead deutet anhand eines Gehäuseaufklebers nur vorsichtig an, dass möglicherweise relativ wenige Geräte gebaut wurden; das ist ein Sammlerhinweis, kein Produktionsnachweis. Für die Archimedes-Familie insgesamt sind die Größenordnungen besser greifbar: Bis Ende 1989 wurden demnach etwa 50.000 Archimedes- und A3000-Systeme verkauft, Anfang 1991 rund 100.000, Mitte 1992 etwa 180.000 und bis zum Risc-PC-Start 1994 über 300.000. Diese Zahlen wurden aber vor allem vom A3000 und den günstigeren Modellen getragen, nicht vom teuren A540.

Nachfolger ist der Acorn A5000. Das Centre for Computing History beschreibt ihn als neues Archimedes-Modell, das den A540 ersetzte; Whytehead hebt beim A5000 vor allem RISC OS 3 hervor, das gegenüber RISC OS 2 ein großer Schritt war. Damit brachte Acorn ARM3-Leistung und ein moderneres RISC OS in ein alltagstauglicheres System. Der A540 blieb der schwerere, teurere und seltenere Vorläufer – und gerade deshalb einer der interessantesten Archimedes-Rechner.

Kurzdaten

Punkt Acorn Archimedes A540
Einführung Juni 1990
Stellung Spitzenmodell der Archimedes-Reihe
CPU ARM3, 32 Bit
Cache 4 KB im ARM3
RAM 4 MB serienmäßig, bis 16 MB ausbaubar
Massenspeicher 100 MB SCSI-Festplatte, 3,5″-Diskettenlaufwerk
Betriebssystem RISC OS 2.01 zum Start
Grafik u. a. 640 × 480 mit 256 Farben, 800 × 600 mit 16 Farben, 1152 × 900 monochrom
Sound 8-Kanal-Sound über VIDC
Erweiterung SCSI serienmäßig, Ethernet/Econet, MIDI, I/O, ROM, Video-/DTP-/Spezialkarten
FPU-Option ARM-FPA/FPA10-Umfeld
Preis 1990 2.495 Pfund plus VAT, ohne Monitor
Heutige Kaufkraft grob 6.350 Pfund / ca. 7.400 Euro ohne VAT; ca. 7.300 Pfund / ca. 8.500 Euro inkl. damaliger VAT
Nähe zum R260 verwandte Workstation-Variante mit RISCiX
Anschlussmodell Acorn A5000